Mutismus - oder doch nur "schüchtern"?

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Mutismus - oder doch nur "schüchtern"?

Beitragvon MessiasDerStille » Sa. 11.06.2016, 23:39

Ich sage gleich, ich habe keine Diagnose, deshalb frage ich danach. Ich habe mich die letzte Zeit öfters (eigentlich im Rahmen meiner Arbeit) mit Verhaltensstörungen beschäftigt und bin auch auf das Thema "Mutismus" gestoßen. Der Begriff hat mir vorher nichts gesagt, aber die Beschreibung dazu ließ mich doch etwas stutzen.

Ich zähle mal einige Punkte auf, die auf Mutismus zutreffen:
- plötzliches Schweigen in bestimmten Situationen (Ohnmacht)
- trotzdem keine Sprachstörungen
- stark unterschiedliches Verhalten zwischen vertautem / nicht vertrautem Umfeld
- plötzliches Erstarren, wenn die Person in eine bestimmte Situation gerät

Bei mir ist das so: Ich hatte noch nie ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern und kann mich an mehr negative als positive Gefühle erinnern. Meistens war es so, dass ich schon häufig von meiner Mutter verbessert wurde oder auch in solchen Situationen, sie holt mich vom Kindergarten ab, wir begegnen jemandem, er fragt mich nach meinem Namen und ich sage nichts (hierbei weiß ich nicht, ob es ein Erstarren war, aber jedenfalls schon eine Art Ohnmacht, ich konnte es einfach nicht). Meine Mutter: "Na? Du kannst doch wohl antworten, du weißt doch, wie du heißt". Das hat es dann nicht gerade besser gemacht. Dabei war mir jedenfalls auch irgendwie damals schon klar, dass über mich geurteilt wird, vor allem, wenn meine Mutter anschließend noch beschämt drüber gelacht oder Kommentare dazu abgelassen hat. Im Kindergarten selbst war es dann so, dass ich nie Freunde hatte, und wenn ich mal mit jemandem gespielt habe, auch nur wenig oder nichts gesagt habe (da muss ich aber auch sagen, dass ich außerhalb vom Kindergarten, neben meinen Geschwistern, nie Kontakt zu anderen Kindern hatte) und mit den Erzieherinnen auch nichts geredet habe, wenn ich nicht gefragt wurde oder was sagen musste. Wenn ich z.B. aufs Klo musste hab, ich das so lange aufgeschoben, bis es nicht mehr ging, und dann bin ich ewig um die Erzieherin herumgeschlichen, bis sie mich überhaupt bemerkt hat, und habe dann ganz leise meinen Satz gesagt. Einfach rein zu gehen habe ich mich nie getraut, obwohl das andere auch gemacht haben. Ein mal bin ich sogar wieder raus, weil ne Erzieherin kam und gesagt hat wir sollen gehen und ich nicht die Klappe auf bekommen habe, es ihr zu sagen. Ich bin auch nie zu Erziehern, wenn mich jemand geärgert hat. Einmal hat mir ein junge ins Gesicht geschlagen, dass mein Glas aus der Brille raus gegangen ist, und ich habe es hingenommen, ohne ein Wort zu ihm oder der Erzieherin zu sagen, das war so "sag es doch, wenn dich andere ärgern, die hilft dir" - "nein, wie blöd das ist, lass es einfach, tu so, als wäre nichts, zu viel Aufmerksamkeit".
In der Grundschule war es jedenfalls ähnlich. Ich habe mich zwar gemeldet, aber ich habe nie mit anderen gesprochen, weil ich wieder nicht wusste was und dann immer dachte, die haben alle ihre Freunde, was wollen die mit dir. Obwohl ich da auch (normalerweise) immer geantwortet habe. Ich wollte auch nie vom Wochenende erzählen, weil ich mir dachte, wen schert, was du gemacht hast? Die anderen findens eh nur blöd. Meine Lehrerin mochte ich eigentlich, aber ich habe nur mit ihr geredet, sogar ziemlich viel, wenn ich mit ihr alleine war. Sobald jemand dazu kam oder ich das Gefühl hatte, dass jemand mithören kann (z.B., wenn sie zu mir an den Tisch kam, wo andere dabei saßen), habe ich sofort aufgehört zu reden. Sie hat sogar mal nen Schulpsychologen wegen mir im Unterricht gehabt. Es war wohl nicht nur deshalb, aber auch. Sie hat echt versucht, mir zu helfen, aber irgendwie war sie selbst überfordert und hat einige Male überreagiert, wenn ich nichts oder nicht genug gesagt habe, was dann wieder bewirkt hat, dass ich still war und mich nicht mal mehr verteidigt habe, als ich dann Strafarbeiten bekommen habe oder in eine andere Klasse geschickt wurde.
In der Mittelstufe war es dann besser, was Freunde anging. Deshalb wurde auch, glaube ich, meine Offenheit da etwas besser. Trotzdem habe ich nie Gespräche angefangen oder sowas. Auch beim Heimlaufen nach der Schule bin ich meistens nur mit gelaufen und habe wenig gesagt. Und irgendwann hat sich das wieder gegeben und ich bin wieder alleine gelaufen. Was mir da so extrem aufgefallen ist, es gab viele blöde Weiber, die gelästert haben und ich habe nie was gesagt, im Unterricht kaum und unter Freunden so plaudern eigentlich nie und in Gruppenarbeiten, wo man seine eigene Meinung oder Ideen einbringen sollte wirklich nie, bis heute nicht, aber wenn sich jemand mit mir angelegt hat, also mich wirklich direkt angegriffen hat, habe ich mich immer verteidigt und demjenigen meine Meinung dazu gesagt (also Schülern).
In der Oberstufe war es dann so, ich dachte, ich könnte alle bösen Geister zurücklassen und neu anfangen, aber leider waren mehr als fünfzehn von fünfundzwanzig Leuten aus meiner alten Schule. Und damit wurde es nicht besser, sondern schlechter. Ich habe mich die ersten zwei bis drei Wochen noch am Unterricht beteiligt, und dann nicht mehr. Da waren Leute, die ich noch nie gesehen hatte, die so viel geurteilt und Gerüchte verbreitet haben, die ich teilweise mochte, aber wusste, dass sie alle anscheinend schon irgendwas über mich gehört haben, und egal, ob ich mit ihnen rede und es gut liefe, trotzdem andere es mitbekommen und wieder darüber urteilen und mich schlecht machen würden. Und die paar wenigen Male, die ich mich anfangs gemeldet habe, wurden entweder mit "du hast dich ja auch mal gemeldet" oder mit "da muss dringend mehr kommen" kommentiert. Und es war einfach immer dieses Werten, dieses nicht einfach tun können, was man will, und es wird hingenommen. Es war dann auch so, dass mich niemand in Gruppenarbeiten haben wollte und ich mich nicht getraut habe, einfach zu fragen, was wollen die schon mit mir? Und wenn ich mich dazu überwunden habe, hieß es meistens "Unsre Gruppe is schon voll" oder "Nee, wir sind schon zu viele" oder ein mal, ich hatte eine aus der Gruppe gefragt, weil alle anderen Gruppen größer waren und sie hatte schon ja gesagt (hat mich viel Überwindung gekostet) und habe dann ne Minute später von den anderen gesagt bekommen, ich solle alle fragen als Gruppe und nicht eine. Daraufhin hab ich erst mal geheult. Man kann einfach nichts richtig machen.
Inzwischen, ich bin jetzt in der Ausbildung, habe mit fast allen noch nie oder sehr wenig geredet (sind schon fast zwei Jahre jetzt), ist es wieder so, mit den Leuten, mit denen ich jetzt schon länger etwas mehr zu tun habe, kann ich reden. Sobald jemand dazu kommt, bin ich stumm. Auch, wenn wir in der Pause draußen stehen, wenn mich nicht jemand direkt anspricht, sage ich nichts. Immer der Gedanke, "was hast du schon zu sagen?" Obwohl ich mir schon sehr lange denke, scheiß drauf! Andere labern auch nur Kacke und machen sich nichts draus. Ich finde mich ja auch in Ordnung. Und ich bin ja auch nicht dumm, aber die Gedanken sind immer stärker als meine Kraft, es einfach zu tun. Ich melde mich im Unterricht inzwischen wieder. Es kostet mich meistens viel Überwindung und manchmal warte ich einige Fragen lang ab, weil ich denke, es könnte ja falsch sein, jetzt noch nicht, die nächste vielleicht, oh, wäre richtig gewesen, naja, vielleicht nächstes mal. Aber mein Arm wandert einfach nicht nach oben. Meistens dann eher so spontan, wenn die Gedanken keine Chance haben so schnell zu reagieren.
Ich habe auch das Problem, das ich bis heute nicht ans Telefon gehe, wenn jemand von meiner Familie zu Hause ist oder jemand von ihnen anrufen könnte. Wenn ich weiß, dass es definitiv für mich ist (z.B. an meinem Handy) und niemand da ist, der es mitbekommt, dann gehe ich ran. Genauso ist es, wenn ich z.B. mit meinem Vater einkaufen bin und er meint, ich könne doch mal fragen, wo sich das und das befindet, dann mach ichs nicht. Dann merke ich, wie mein Herz rast und sich irgendwie alles anspannt und ich versuche dann nach Ausreden zu finden, einfach weil es so eine Situation ist, wo ich irgendwie auf der Probe stehe und man erwartet, dass ich etwas tue und richtig tue. Wenn ich aber von mir aus sage, hey, ich frag mal nach, ist das kein Problem.
Und noch was anderes: Was mir auch schon als Kind aufgefallen ist (und anderen aus meiner Klasse z.B. auch), ist dass ich zu Hause ganz anders war als in der Schule. Zu Hause war ich immer laut, wild, habe quer durch den ganzen Garten gebrüllt und bin immer rum gerannt. In der Schule war ich ruhig bis ganz still, hatte keine Freunde, hab in den Pausen alleine rumgestanden und mich nicht mal getraut, Spielsachen auszuprobieren. Zu Hause habe ich oft gesagt bekommen, ich soll nicht so laut sein, das stört die Leute, ich soll mich nicht dreckig machen und ich darf dies nicht und das nicht, weil alles zu gefährlich ist. Aber nicht in dem Sinne von zu viel Vorsicht, sondern, die Sprüche meiner Mutter "Das macht man nicht", "Das sagt man nicht", "Da gucken ja die Leute".

Keine Ahnung, ob man auf diese Weise eine Diagnose stellen kann (oder eine Einschätzung). Ich kann mich halt an früher nicht so genau erinnern. Komisch finde ich nur, dass ich während meiner Arbeit im Kindergarten auch drei Mädchen (also zwischen 3 und 6 Jahren) hatte, bei denen da sehr auffällige Verhaltensmuster waren, aber angeblich ist Mutismus sehr selten. Oder doch nur so selten diagnostiziert?
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Re: Mutismus - oder doch nur "schüchtern"?

Beitragvon loner » So. 12.06.2016, 18:11

Hallöchen,
Für mich klingt das als seist du einfach eine sehr schüchterne Person, vor allem wo du noch klein warst, und dazu bist du noch introvertiert. Ich bin auch eine super introvertierte Person und bei mir äußert sich das so: Ich bin irgendwo neu in einer Gruppe, dann bekomm ich keinen Ton raus. Nicht aus Angst, sondern, weil ich erstmal beobachte und zuhöre. Mir ein Bild mache von allen Personen. Umso näher ich die Leute kenne, umso 'lauter' werde ich. In großen Gruppen fühle ich mich nie besonders wohl. In Gruppen sind auch eher die Extrovertierten, also die, die sich gut präsentieren können (der Typ Klassenclown, der Aufreißer/Macker, der Entertainer usw), die die reden. Introvertierte zeichnen sich eher dadurch aus, dass sie aufmerksam sind und meist auch eher den anderen zuerst sprechen lassen.
Ich denke auch oft, das meine Erlebnisse keinen interessieren, aber ich hab null Ahnung, ob das jetzt mit der Introvertiertheit zu tun hat. Wahrscheinlich eher fehlendes Selbstbewusstsein.
Wenn man sich selbst diagnostiziert, kommen meist die wildesten Sachen raus. Nicht mal Ärzte diagnostizieren (meiner Meinung nach) immer richtig.
Ich finde es im Allgemeinen auch blöd, jemanden auf eine Erkrankung festzunageln. Jeder Mensch ist anders. Und je nach Erfahrung und nach Persönlichkeit gehen wir eben mit den Dingen und Situationen anders um.
Lies dich mal in Introvertiertheit ein. Vielleicht entdeckst du viele Parallelen. Mir war es bis vor einigen Monaten auch nie klar. Ich dachte immer, ich bin einfach komisch. Aber so langsam kann ich es akzeptieren und dann auch genießen. Ich dachte immer, man MUSS viele Freunde haben, gesellig sein, viel reden können usw. Aber nein. Ich fühle mich nunmal viel wohler, wenn ich meine Mittagspause ganz allein in Ruhe verbringen kann. Ich werd ja sonst den ganzen Tag zugeschwatzt. Ich brauch dann einfach mal meine Zeit für mich, ganz ohne äußeren Input. Allein mit meinen Gedanken. Auch treffe ich mich lieber mit ein bis zwei Personen, statt in einer riesen Gruppe. Wenn man versteht, das man damit nicht allein ist, und das auch ganz normal ist, so zu sein, lässt es sich viel besser leben.
An deiner Schüchternheit kannst du auch arbeiten. Es kommt halt drauf an, ob du still bist, weil du es willst, oder weil du Angst hast, was zu sagen. Wenn du Angst hast, ist das eher keine Introvertiertheit mehr, sondern was anderes.
Ich finde, Introvertiertheit passt auch zu dir, weil du überlegte Antworten gibst. Ein Extrovertierter redet meist schneller als er denkt, so zu sagen.

Ahoi,
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Re: Mutismus - oder doch nur "schüchtern"?

Beitragvon MessiasDerStille » So. 12.06.2016, 21:30

Hallo, danke für deine Antwort :)

Hmm, naja, ich würde mal sagen, alle Leute, die "ruhig" sind, werden erstmal als "schüchtern" bezeichnet. Ich habe (genau wie über Mutismus) da in einem Verhaltensbuch geblättert (da sind eben verschiedene Verhaltensweisen / Auffälligkeiten / etc. beschrieben und auch, wie sowas entstehen kann und wie sich das äußert) und da bin ich erst auf "Schüchternheit" gestoßen. Da dachte ich erst, joa, passt, dann kamen da aber auch so Sachen, wo dann stand, dass schüchterne Menschen oft auch arrogant sind oder ihre Unsicherheit mit Arroganz überspielen, dass sie hilfsbereit sind (also nicht oder wenig reden, aber dafür aufräumen helfen, runtergefallene Sachen für jemanden einfach aufheben und sowas) und das war bei mir nie so. Ich hab mich nicht mal getraut, hinzugehen und was "Nettes" zu machen, weil ich dachte, es wird immer darüber gewertet, das sehen Leute und dann steh ich im Mittelpunkt. Ich hab z.B. auch immer erst, wenn ich mir weh getan habe, angefangen zu weinen, wenn ein Erzieher oder Lehrer es mitbekommen hat und zu mir kam, weil ich selbst da noch das Gefühl hatte, dass irgendwie wieder die Extrawurst bin und (obwohl ich nichts dafür kann) etwas falsch gemacht habe.
Beim Mutismus (ich kannte den Ausdruck vorher nicht) ist mir dann eben so krass dieser Unterschied aufgefallen zwischen dem Verhalten zu Hause und dem Verhalten in nicht-vertrautem Umfeld. Ich hab zu Hause echt lauthals durch das ganze Dorf gebrüllt, meine Nachbarn finden mich bis heute furchtbar und total asozial, weil ich immer Wörter wie "Scheiße" oder irgendwelche Beleidigungen beim Spielen gebrüllt habe. Meine Mutter, wenn sie das mitbekommen hat, hat sich dann immer beschwert, eben mit diesem "das macht man nicht, das sagt man nicht, da gucken ja die Leute" und ich habe immer gesagt, ist mir egal, ich bin nicht "man", ich mach, was ich will.
Bei mir ist das ja auch so, nicht mal, dass ich ne lange Zeit brauche, bis ich mit jemandem reden kann. Ich bin jetzt fast zwei Jahre in der Klasse und fast von Anfang an mit immer denselben Leuten (so 5-8 immer) in den Pausen draußen. Ich habe auch mit allen schon mal (mehr oder weniger) einzeln geredet, aber bis heute steh ich nur da und sage nichts, auch wenn ich meine Meinung äußern will oder was Lustiges zu einem Thema zu erzählen hätte. Auch wenn ich meiner Freundin (es gibt eine, mit der hab ich auch außerhalb der Schule Kontakt) etwas sagen will, warte ich immer, bis ich das Gefühl habe, dass die anderen laut genug reden und keiner zuhört. Ich traue mich nicht mal, wenn ich jemanden abmelden soll, der krank ist, das vor der Klasse zu machen, entweder geh ich dann vor zum Lehrer oder ich warte, bis er danach fragt. Nicht mal solche Versprechen, wo man sich auf mich verlässt, kann ich umsetzen.
Ich weiß ja auch, und ganz ehrlich, ich bin nicht so jemand, der über Menschen urteilt, nur weil sie stiller oder unsicherer sind als andere, dass ich nicht schlechter bin. Ich denk mir jeden Tag, es gibt so viele Vögel, die rumlaufen wie sonst was und ein Benehmen haben, wie ich niemals sein wollte. Und ich dreh anderen nicht den Rücken zu und fange an zu lästern. Ich denke eigentlich, dass sich einige Menschen vieles bei mir abgucken könnten. Und so, wie andere drauf sind, denk ich genauso, mach doch einfach, andere machens auch. Aber es geht nicht.
Ich hatte ja, wie gesagt, auch bei mir im Kindergarten solche Kinder (ob das jetzt im Einzelnen Mutismus war oder nicht, weiß ich nicht). Jedenfalls mit dem einen Mädchen habe ich mich sehr viel beschäftigt. Sie war schon mindestens mal einen Monat da als ich kam und hat kein Wort gesprochen, egal, was war, immer geweint und man konnte dann alles abfragen und anhand eines Kopfschüttelns oder Nickens herausfinden, was das Problem diesmal ist. Sie hatte dann auch schnell einen guten (wenn auch non-verbalen) Bezug zu mir und ich habe ihr dann ganz viele Ja-Nein-Fragen gestellt (weil sie mir sehr am Herzen lag und auch, weil ich vielleicht auch selbst raus finden wollte, was mein Problem ist) und habe dann auch gefragt, ob sie vor irgendwas Angst hat, ob sie denkt, dass jemand lacht, ob sie denkt, dass jemand was blödes sagt oder dass sie was falsch macht... und sie hat bei allem den Kopf geschüttelt. Und genau das ist es: ich weiß, ich mach nichts falsch, und wenn schon, andere labern auch nur Mist, und wenn jemand lacht, dann ist er eben dumm, aber trotzdem kann ich nicht einfach den Mund aufmachen. Wenn es das nicht ist, was ist es dann? Kann man wirklich "schüchtern" sein, wenn man so darüber denkt? Es geht irgendwie nicht und je länger ich zögere, umso mehr redet mir mein Kopf ein, dass es auch besser ist, still zu sein.
Und ich denke, Introvertiertheit muss nicht unbedingt was mit Schüchternheit zu tun haben. Auch wenn ich sicherer bin manchen Leuten gegenüber rede ich auch nicht über alles mit jedem, weil es manche Leute einfach nichts angeht und nicht die ganze Welt meine Probleme und mein Leben kennen muss. Das hat ja auch einfach was mit Schutz der Privatsphäre zu tun. Und mit der Hemmschwelle.
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Re: Mutismus - oder doch nur "schüchtern"?

Beitragvon loner » So. 12.06.2016, 21:39

Hm, ja schüchtern sein und introvertiert sein hat nichts miteinander zu tun. Die Geschichte aus deiner Kindheit klang nur schüchtern.
wenn es als so selten gilt, kann das ja auch einfach nur bedeuten, dass es bei einigen einfach nicht erkannt wird.
Ich finde, du wirkst beim Schreiben auch eigentlich voll selbstbewusst.
Stört dich das denn sehr? Fühlst du dich eingeschränkt?
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Re: Mutismus - oder doch nur "schüchtern"?

Beitragvon MessiasDerStille » So. 12.06.2016, 22:33

Ja, schüchtern haben mich immer alle genannt. So nennt man wahrscheinlich jeden, der "ruhig" ist, bevor er da noch besonders auffällt.
Das Ding ist halt, dass ich zu Hause nie schüchtern war, außer es kamen Fremde. Ich geh ja auch bis heute nicht ans Telefon, ich kanns einfach nicht, wenn ich weiß, dass Leute zuhören könnten.

Das hab ich mich auch gefragt, ob es echt so selten ist, oder eben einfach schnell als "schüchtern" abgetan wird, weil man es nicht besser weiß oder vielleicht auch als Eltern denkt "ich geh doch nicht mit meinem Kind zu nem Psychologen, mein Kind ist doch nicht gestört". Ich war ja z.B. auch nie da. Naja, doch schon, nachdem dieser Schulpsychologe von meiner Lehrerin da war und sie meinte, mit mir stimmt was nicht. Aber meine Eltern haben sich da überwiegend mit der Frau unterhalten und ich war auch nie alleine mit ihr. Ich weiß aber noch, dass sie auch gefragt hat, wie ich zu Hause bin (ich glaube aber, dass es dabei auch zum Teil um Kindeswohlgefährdung ging, also eher um meinen Allgemeinzustand), aber meine Mutter wusste sch schon immer gut zu verstellen und alles schön zu reden, deswegen hatten die keine Bedenken. Ich weiß auch noch, dass ich mal mit meiner Schwester da war und wir im Spielzimmer nebenan waren und die Möbel im Puppenhaus festgeklebt waren und mir die Einrichtung nicht gefallen hat und dann hab ich die Schränke nach Kleber durchsucht und die Möbel abgerissen und neu festgeklebt.

Ja, schreiben ist was ganz anderes, weil... keine Ahnung. Es geht irgendwie darum, dass ich beobachtet werde bei etwas. Und beim Schreiben bin ich eben alleine. Da steh ich nicht im Mittelpunkt. Ich sag ja, ich hab auch meine Meinung, aber kann trotzdem nicht einfach das durchziehen, was ich eigentlich denke. Ich schreib auch in Klausuren einfach meine Meinung raus, auch wenn ich keine Ahnung habe, rate ich und denk mir, wenns Quatsch ist, dann hat der Lehrer zu Hause was zu lachen, was mir egal ist, weil ich dann nicht dabei bin und nicht unmittelbar in Verbindung damit stehe, obwohl ja mein Name und auch meine Note letzten Endes drauf steht, und von daher ist mir das egal, oder ich finde es sogar lustig, wenn ich dann die Kommentare sehe oder die vielen Fragezeichen am Rand.
Wenn ich aber in einer mündlichen Prüfung bin und ich bin mir nicht 100% sicher, was die richtige Antwort ist, dann sag ich es nicht, auch wenn ich ne Vermutung habe, dann sag ich es einfach nicht, auch wenn es um ne Note geht, einfach weil es falsch sein könnte, und weil man mich in dem Moment ansieht, wo es falsch ist und wo ich es falsch mache und egal, ob man zeigt, dass man mich für blöd hält, oder nicht, die Gedanken bei den anderen trotzdem da sind und dann kann ichs nicht.

Und nicht nur da. Ich brauch nen Praktikumsplatz für nach den Sommerferien, Ich bin die Einzige aus meiner Klasse, die noch keinen hat, weil ich entweder schon vorher abgelehnt wurde oder im Bewerbungsgespräch zu ruhig war und zu wenig Interesse gezeigt habe. Und dann an einen komplett fremden Ort zu fahren, mit komplett fremden Leuten, wo alle erwarten, dass ich mich vorstelle und offen bin und Fragen stelle und super selbstständig bin. Das kann ich nicht. Ich kann diese Erwartungen nicht erfüllen, auch wenn ich Hilfe brauche, krieg ich die Klappe nicht auf, darum zu bitten oder nachzufragen. Obwohl ich weiß, dass ich es dann vielleicht falsch mache und dann noch blöder da stehe, aber ich kanns nicht. Die meisten Betriebe erwarten, dass man selbstsicher ist, immer alle fragt, wies geht, vom Wochenende erzählt, alles selbstständig und von sich aus, ohne Aufforderung, macht. Und ich steh da und brauch zwei Extraeinladungen und das nicht nur am Anfang. Manche Betriebe suchen noch Leute, aber ich brauch mein vertrautes Umfeld (den Betrieb, in dem ich schon war, wo ich zwar auch kritisiert, aber auch gefördert und akzeptiert wurde) und ich kann es einfach nicht. Ich hab das Gefühl, so oft, wie ich abgelehnt wurde, werde ich sowieso nur noch genommen, weil man keinen besseren mehr findet.

Und natürlich auch in Bezug auf Freunde. Ich sehe meine Freundin ja nicht so oft, aber es reicht mir, wenn ich weiß, dass sie da ist. Ich habe ja auch keine Beziehung und hatte bisher auch keine ernsthaften (darüber habe ich hier auch in einem Thema geschrieben). Ich komme kaum raus und wenn ich jemanden mag, weiß ich nicht, wie ich mit Leuten in Kontakt kommen soll.

Also ja, ich würde sagen, es schränkt mein ganzes Leben ein.
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Re: Mutismus - oder doch nur "schüchtern"?

Beitragvon loner » Mo. 13.06.2016, 11:25

In einigen Dingen erkenn ich mich auch wieder.
Ich sage im Seminar zB manchmal noch nichtmal was, obwohl ich mir recht sicher bin, das es richtig sein müsste. Wenn dann flüstere ich es halt eher meinem Nachbarn zu. Einfach weil ich Angst hab, was die anderen denken, wenn es doch falsch ist.
Und mündliche Prüfungen sind für mich der Horror. Ich bekomme richtig doll Angst davor, fange an zu schwitzen und mir ist heiß und kalt gleichzeitig. Ich werde halt recht stark nervös, sag ich mal. Und dann vergesse ich die Hälfte, wenn ich in der Prüfung sitze und ärgere mich daheim, weil ich weiß, ich hätte es viel besser machen können.

MessiasDerStille hat geschrieben:Und dann an einen komplett fremden Ort zu fahren, mit komplett fremden Leuten, wo alle erwarten, dass ich mich vorstelle und offen bin und Fragen stelle und super selbstständig bin. Das kann ich nicht.

Da hab ich auch meine Probleme mit. Ich denke, bei mir ist das Unsicherheit, Angst vor Ablehnung, Angst vor Blamage und eben auch meine Introvertiertheit, weil es sich für mich auch unnormal anfühlt, gleich jedem so Privates zu erzählen.

Hast du denn mal drüber nachgedacht, dir einen Therapeuten zu suchen oder so etwas in der Art? Ich habe hier schon gelesen, dass es auch möglich ist, dem Therapeuten einen Brief zu schreiben, wenn man nicht so auf ihn zugehen kann persönlich oder wenn man alles vergisst, was man sagen will oder halt nicht offen sein kann. Vielleicht wäre das eine Möglichkeit für dich. Es wäre vielleicht gut, wenn du da für die Anmeldung deine Freundin mitnehmen könntest. So als mentale Unterstützung. Aber ich weiß nicht, ist ja gerade schwierig mit ihr.
Ich finde nur, wenn es dich jetzt schon stark einschränkt und du es als starke Last empfindest, dann musst du jetzt irgendwas tun und dran arbeiten. Ich glaub mit den Jahren wird es schlimmer, also verfestigt sich, und du wirst mehr und mehr Wege finden, dich zurückzuziehen, um dieser Angst aus dem Weg zu gehen. Und ich denk einfach, dass es dann ganz schwierig ist, noch was zu ändern, mit Hilfe von außen halt.

liebe Grüße,
loner
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Re: Mutismus - oder doch nur "schüchtern"?

Beitragvon MessiasDerStille » Mo. 13.06.2016, 14:32

Ja, so ungefähr. Ich hab dann immer das Gefühl, es ist zu einfach, um richtig zu sein, oder ich kann es nicht so klug ausdrücken wie andere. Oder ich sage es und dann kommen noch Fragen vom Lehrer, dass ichs erklären soll oder was dann dies und das bedeutet, oder wenn ich meine Aussage jetzt auf etwas anderes beziehe... Ich denk mir dann auch immer, ich muss mich melden, dann denk ichm ich hab ja auch noch morgen Zeit oder nachher, dann denk ich nee, mach jetzt, dann versuch ichs und merk, wie mein Herz rast und dann ist der Versuch für den Tag vorbei.
Prüfungen sind echt furchtbar. Ich krieg zwar keine Schweißausbrüche oder sowas, aber immer nen ganz trockenen Mund, meine Hände sind zittrig und ich bin total verkrampft. Und meistens ist das meist gesagte Wort "Ehhhhh", viel mehr kommt da von mir nicht.

Ja, auch das kann man so sagen. Wenn ich nach Gründen suche, fällt mir da einiges ein. Andererseits weiß ich ja auch, wenn ichs echt verkacke, dann seh ich die Leute nie wieder. Und wie viele Leute stellen sich blöd an? Man darf ja Fehler machen. Eigentlich. Aber ich glaube einfach nicht dran (ja, es mag eine negative Einstellung sein, aber es ist auch hier mehr die Unsicherheit), dass ich irgendwo einen Betrieb finde, in dem es mir genauso gut geht wie da, wo ich schon war. Und ich brauch auch einfach meine Zeit, um mich da wirklich einzufinden.
Ich finde es auch furchtbar und naiv, sein halbes Leben auszuplaudern. Geht ja auch niemanden was an. Außerdem gibt es ja auch Privatsphäre.

Ich hab schon öfters versucht, nen Therapeuten zu finden. Bei uns hier gibt es zwar ein paar, aber die haben alle Wartelisten von mindestens nem halben Jahr. Warum ich mich damals nicht hab drauf setzen lassen, weiß ich gar nicht. Wahrscheinlich, weil ich mir immer denke, in nem halben Jahr brauch ich auch keine Hilfe mehr, ich brauch sie jetzt. In nem halben Jahr hab ich das auch alleine geschafft. Dann war ich sowieso mal in der Nähe und bin extra rein gegangen, hab erst noch ne halbe Stunde vor der Tür gestanden, weil ich mich erst zusammenreißen musste. Und dann war nur noch der Hausmeister oder sowas da. Der hat mir dann en Kärtchen gegeben und ich wollte am nächsten Tag anrufen... und hab es bis heute nicht gemacht. Ich dachte, ein Telefon bringt vielleicht mehr Distanz dazwischen, aber das wars irgendwie auch nicht. Ich finde es halt auch kacke irgendwie, anscheinend haben ja einige Leute "Probleme". Da gibt es eben welche, die nur "Probleme" haben und dann gibt es welche, die für ihr ganzes Leben gestraft sind. Und die bekommen dann keinen Platz, weil man wegen allem zum Psychologen rennt. Dann komm ich mir da auch immer abgewiesen und unwichtig vor und geb immer wieder auf. Das kommt irgendwie nur so schubweise, ich will Hilfe - ich will keine Hilfe.
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