Störung: Essattacken, Binge-Eating-Disorder, BES

Austauschmöglichkeit zum Thema Essstörungen, wie z.b. der Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brechsucht), Binge-Eating-Disorder (Fressanfälle) oder Adipositas (Esssucht), sowie über Ernährung und Essverhalten.

Wichtig: Kein Pro-Ana/-Mia erwünscht!

Störung: Essattacken, Binge-Eating-Disorder, BES

Beitragvon BlackChaos » Sa. 18.12.2004, 02:43

Zusammenfassung

Die Binge-Eating-Disorder (BES: Disorder=Störung) ist ein relativ neuer Krankheitsbegriff, der in den USA entwickelt wurde und nun auch bei uns zunehmend Beachtung findet. "Binge-Eating" lässt sich am einfachsten mit dem Wort "Essattacke" übersetzen.

Die BES gehört zu der Gruppe der Essstörungen. Die Betroffenen konsumieren innerhalb von kurzer Zeit ungewöhnlich große Mengen an Nahrungsmitteln.

Dabei können sie nicht kontrollieren, wie viel sie essen oder wann sie mit dem Essen aufhören müssen. Der ganze Kühlschrank wird in einem Anfall von Heißhunger quasi leer gegessen.

Die BES betrifft etwa 2% der Bevölkerung und ist damit die häufigste (!) Essstörung. Unter den Übergewichtigen leiden ca. 5% an der BES. Anders als bei der Magersucht oder der Bulimie sind von der BES auch viele Männer betroffen, und zwar etwa 35% der Patienten.


Allgemeines

Der Begriff der "Binge-Eating-Disorder" wurde erstmals 1959 geprägt. Als eigenständige Diagnose gibt es ihn in den USA erst seit 1994.

Das Wort "Binge" wird in der englischen Sprache im Zusammenhang mit exzessiven Trinken gebraucht, so dass "Binge-Eating" auch "Essen wie ein Besäufnis" bedeuten kann. Dies sagt bereits viel über die Natur der Störung aus und deutet ihre Nähe zu den Suchterkrankungen an.

Eine BES liegt dann vor, wenn wenigstens an zwei Tagen in der Woche Essattacken (Binge-Eating) auftreten und dies über einen Zeitraum von sechs Monaten. Eine Essattacke ist dadurch definiert, dass innerhalb von Minuten bis zwei Stunden ungewöhnlich große Mengen an Nahrungsmitteln konsumiert werden. Dabei können die Betroffenen nicht kontrollieren, wie viel sie essen oder wann sie mit dem Essen aufhören müssen.

Außerdem müssen wenigstens drei der folgenden Punkte zu treffen:

  1. Besonders schnelles Essen.
  2. Essen bis ein unangenehmes Völlegefühl einsetzt.
  3. Essen, ohne hungrig zu sein.
  4. Aufgrund von Gefühlen der Schuld, Scham oder Peinlichkeit wird allein gegessen.
  5. Nach der Essattacke treten Gefühle von Ekel, Schuld oder Depressionen auf.
  6. Die Essattacken werden als belastend empfunden.
Wichtig ist dabei die Abgrenzung zur Bulimie, der sogenannten "Fress- und Kotzsucht". Bei dieser Essstörung treten ebenfalls Essattacken auf. An Bulimie Erkrankte versuchen aber typischerweise durch drastische Maßnahmen zu verhindern, dass die aufgenommene Nahrungsmenge zu einer Gewichtszunahme führt und zwar durch:

  1. Selbst ausgelöstes Erbrechen.
  2. Fasten.
  3. Übermäßige körperliche Anstrengung zum Verbrennen der Kalorien.
  4. Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmedikamenten.
Diese Verhaltensweisen treten bei der BES nicht auf.

Auch das Essverhalten eines typischen Übergewichtigen unterscheidet sich von dem BES-Patienten: es ist geprägt von einem ständigen Überessen. Die für die BES typischen Heißhungerattacken mit dem Verlust von Selbstkontrolle kommen bei "nur" Übergewichtigen nicht vor.

Der Leidensweg der Betroffenen ähnelt dem eines alkoholkranken Menschen.

Die Menschen, die unter derartigen Essattacken leiden, schämen sich oft dafür. Wenn der Heißhungeranfall gestillt ist, treten depressive Gefühle auf. Oft wird dann versucht, weitere Essattacken zu unterdrücken, um wieder Selbstkontrolle über das eigene Essverhalten zu erlangen. Wenn dies scheitert, ziehen die Betroffenen sich häufig zurück und leben ihre Essattacken im Verborgenen aus. Dabei sind viele so geschickt, dass selbst nahe Freunde oder Familienangehörige nichts von der Essstörung erfahren.

Der Alkoholkranke fällt der Umwelt bald durch die Alkoholfahne auf, der "Heißhungeresser" kann seine Sucht meist besser verstecken.

Die unkontrollierbaren Essanfälle können auch dazu führen, dass Betroffene nicht mehr zur Arbeit oder zur Schule gehen und ein soziales Abseits droht.

Im anglo-amerikanischen Raum gibt es neben den Anonymen Alkoholiker-Gruppen auch die "Overeaters Anonymous". Sie gehen davon aus, dass Nahrung genauso Abhängigkeit erzeugen kann wie Alkohol oder andere Drogen. Sie arbeiten mit einem ähnlichen 12-Punkte-Programm wie die Alkoholiker-Gruppen.

Essstörungen haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Die von BES Betroffenen berichten oft über lang andauernde Unzufriedenheit mit der eigenen Figur und haben bereits mehrere Diätversuche hinter sich. Auch Modetrends, Schlankheitswahn und Überfluss an Nahrungsmitteln scheinen auf die Störung Einfluss zu haben und lassen sie so zu einer weiteren Zivilisationskrankheit werden.


Häufigkeit

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden an der BES. Zwei von fünf BES-Patienten sind Männer.

Viele der Betroffenen sind übergewichtig, aber nicht alle. Unabhängig von ihrem Gewicht fühlen sich BES-Patienten häufig übergewichtig und haben in der Vergangenheit bereits mehrere Versuche gemacht, mit Hilfe von Diäten ab zu nehmen. Der Beginn der BES steht oft im Zusammenhang mit Diät-Versuchen, meist in der Zeit des frühen Erwachsenenalters. Forschungen haben ergeben, dass die Essattacken häufig in Zeiten von nervlicher Belastung auftreten.


Ursachen

Niemand weiß genau, wodurch die BES letztendlich verursacht wird. Es ist aber bekannt, dass etwa die Hälfte der Betroffenen in der Vergangenheit einmal depressiv gewesen sind. Ob eine Depression die BES erzeugt oder vielleicht die BES Teil eine Depression ist, ist nicht bekannt.

Die Patienten berichten oft, dass Gefühle von Ärger, Frustration oder Langeweile zu einer Essattacke führen. Es wird vermutet, dass unangenehme Empfindungen durch den Essvorgang auf angenehme Empfindungen umgelenkt werden. Essen ist dabei ein Symbol für Liebe und Geborgenheit. Dies lernt wahrscheinlich bereits das neugeborene Kind, wenn es die ersten Glücksgefühle beim Stillen erfährt. Später wird das Kind mit Süßigkeiten getröstet, wenn es enttäuscht worden ist.

Studien haben ergeben, dass Menschen mit emotionalen Schwierigkeiten manchmal unfähig sind, Hunger von anderen unbehaglichen Gefühlszuständen zu unterscheiden. Auch mögliche Zusammenhänge zwischen Diätversuchen und Essattacken sind noch ungeklärt. Die Wissenschaft versucht zu erforschen, wie Botenstoffe im Gehirn von der BES beeinflusst werden, aber diese Untersuchungen sind noch in Anfangsstadien.


Diagnose

Eine Diagnose ergibt sich durch intensives Befragen der Patienten und auf Grund der bestehenden Symptome.


Therapie und Prognose

Die BES ist mit guten Erfolgsaussichten zu behandeln. Einer der Gründe dafür ist, dass sich bei dieser Essstörung das krankhafte Verhalten sehr gut von gesunden Verhaltenszügen abgrenzen lässt.

Die Behandlung der Binge-Eating-Störung hat zwei Ziele:

  1. Normalisierung des Essverhaltens.
  2. Behandlung der zugrunde liegenden seelischen Konflikte.

Die verhaltenstherapeutische Behandlung der BES ähnelt den Behandlungsstrategien, die für die Fress- und Kotzsucht (Bulimie) entwickelt worden sind. Das Ziel ist dabei, das Essverhalten zu normalisieren und den Essrhythmus zu regulieren. Oft wird dazu ein Tagebuch über die gegessene Nahrungsmenge geführt. Das hilft, um Stimmungen, Gefühle und Gewohnheiten herauszufinden, die zu Essattacken führen.

Verhaltenstherapeutische Strategien können dann helfen, eine vermehrte Selbstkontrolle zu gewinnen. Außerdem werden Bewältigungsstrategien für Stressfaktoren, die zu Essattacken führen, erarbeitet.

Gelegentlich wird dies Vorgehen mit psychodynamischen Therapieansätzen kombiniert. Hier wird vor allem untersucht, welche Konflikte und Belastungen sich hinter der Störung verstecken und welchen Stellenwert diese in der eigenen Lebensgeschichte haben. Amerikanische Untersuchungen deuten darauf hin, dass antidepressive Medikamente die Behandlung einer BES unterstützen können.

Da Gefühle der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körpergewicht zur BES scheinbar beitragen, beinhalten die Behandlungsansätze meist keine Diäten. Im Gegenteil sollen bei dem Ziel, wieder Kontrolle über das Essen zu erlangen, jegliche Versuche der Gewichtsabnahme unterlassen werden.

Solche Therapieverfahren berücksichtigen die negative Selbsteinschätzung des eigenen Körpers und Aussehens, die viele Betroffene haben. Es wird versucht, ihnen zu helfen, das bestehende Gewicht zu akzeptieren und sich gut im eigenen Körper zu fühlen. Eine Gewichtsabnahme soll sich dann durch das normalisierte Essverhalten von selbst einstellen.

Die Behandlung der BES kann ergänzt werden durch Unterricht in Ernährungslehre und durch die Förderung einer angemessenen körperlichen Aktivität.

Menschen, die vermuten, dass sie unter einer BES leiden, sollten wissen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Oft sind Selbstheilungsversuche, das Essverhalten zu kontrollieren, gescheitert. Die Betroffenen sollten sich unbedingt professionelle Hilfe über einen Arzt oder Psychotherapeuten holen. Da das Krankheitsbild bisher noch wenig bekannt ist, kann es passieren, dass die Schwierigkeiten der Betroffenen nicht ernst genug genommen werden. Es ist daher günstig, früh Kontakt mit Gleichgesinnten in Selbsthilfegruppen aufzunehmen.


Komplikationen

Während der Essattacken werden häufig Nahrungsmittel verschlungen, die viel Kohlenhydrate und Fette enthalten, jedoch wenig Vitamine und Mineralstoffe. Es können daher langfristig Mangelerscheinungen auftreten. In amerikanischen Veröffentlichungen wird darauf hingewiesen, dass Menschen, die übergewichtig sind und an einer Binge-Eating-Störung leiden, unter einem höheren Risiko stehen, langfristig an bestimmten Krankheiten zu erkranken, so u.a. an:

Diabetes, überhöhten Werten für Blutdruck und Cholesterin, Gallenblasen- und Herzerkrankungen, sowie bestimmten Arten von Krebs.


Ratgeber

Link-Tipps:
Nummer des Info-Telefons "Essstörungen" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
Bundesweite Adressen von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen.
www.essprobleme.de - Selbsthilfe-, Erfahrungs- und Infoseiten zu den Essstörungen.
Informationen der Uni Essen über die verschiedenen Essstörungen und die psychotherapeutischen Behandlungsmethoden.


Quelle: http://www.m-ww.de/krankheiten/psychisc ... erung.html
BlackChaos
 

Beitragvon BlackChaos » Sa. 18.12.2004, 19:50

Hm, es kommt nicht von ungefähr, dass ich in den ca. letzten 3 Jahren... ähm... *rechne* ca. 20 (!) kg zugenommen habe... *seufz*
BlackChaos
 

Beitragvon Amon » Fr. 27.05.2005, 21:33

Das kenne ich! Passt irgendwie zu mir...
Amon
 

Beitragvon NormaJean85 » Do. 06.07.2006, 10:20

Ok. Und was fange ich jetzt damit an??
Super. Toll!
Ich weiß ja, dass ich ein Problem hab. Aber immer nur kämpfen ist so ätzend.
Hab da keinen Bock mehr drauf!!

Gibts da keine Medis die unterstützen??
Kennt sich da wer aus?
NormaJean85
 

Re: Störung: Essattacken, Binge-Eating-Disorder, BES

Beitragvon vogelfrei » Sa. 20.02.2010, 13:41

Also ich war schon in ner Klinikk wegen dem Scheiß und da musste ich leider feststellen, dass es nicht wirklich medis zur Unterstützung gibt. Nur gegen die oben angesprochenen seelischen Konflikte :?
die hab ich aber nicht genommen, dementsprechend muss man kämpfen - leider. Naja und kämpfe jetzt seit knapp acht Jahren das ist echt ermüdent :!:
vogelfrei
 

Re: Störung: Essattacken, Binge-Eating-Disorder, BES

Beitragvon senta » Sa. 20.02.2010, 13:58

Hi,
Respekt,
vielleicht muß man auch erst mal herausfinden, was man wirklich braucht,
wenn man sich aufs Essen stürzt (ich kenn das auch),
da bin ich auch noch am Suchen.
Statt des Essens würde einen wahrscheinlich auch etwas Anderes satt machen.
Ist sooo schwierig.
Viel Erfolg weiterhin.
Kämpfst Du denn zur Zeit allein, oder hast Du Unterstützung?
senta
 

Re: Störung: Essattacken, Binge-Eating-Disorder, BES

Beitragvon erschöpft » Di. 06.05.2014, 13:31

Kenne ich, jedoch in Verbindung mit Magersucht und gelegentlichem bulimischen Verhalten.

Ich glaube, da kann man wirklich nur lernen. Das ist ein Langer Weg, sein Essverhalten in den Griff zu bekommen. Meiner Meinung nach ist es am wichtigsten, therapeutisch zu lernen, seine Gefühle kennen und verstehen zu lernen.

Aber ein normales Essverhalten kann man sich nur selbst erarbeiten.
"Das Wasser soll dein Spiegel sein"
Benutzeravatar
erschöpft
Mitglied
 
Beiträge: 40
Registriert: Fr. 02.05.2014, 19:31
Wohnort: Meck-Pomm

Re: Störung: Essattacken, Binge-Eating-Disorder, BES

Beitragvon Sophie » So. 10.04.2016, 09:18

Ich hab gehört, Gefühle sollen satt machen.
Ich ziehe jedoch dem auch den Kühlschrankinhalt vor :? 8)
" das Ärgste ist noch nicht, solange man noch sagen kann, das ist das Ärgste."
Shakespear
Sophie
Mitglied
 
Beiträge: 22
Registriert: Fr. 08.04.2016, 08:53
Wohnort: In der Nähe der schönsten Stadt


Zurück zu Essstörungen und -verhalten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast