Sterben durch die Essstörung

Austauschmöglichkeit zum Thema Essstörungen, wie z.b. der Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess-Brechsucht), Binge-Eating-Disorder (Fressanfälle) oder Adipositas (Esssucht), sowie über Ernährung und Essverhalten.

Wichtig: Kein Pro-Ana/-Mia erwünscht!

Sterben durch die Essstörung

Beitragvon Minni » Mo. 07.07.2014, 08:37

In Moment geht es mir nicht gut Körperlich so wie Seelisch und meine Hausärztin ist der Meinung das es an der Essstörung liegt.Deswegen muss ich auch Freitag zur Magenspieglung und dann wird geschaut was für Folgen ich bereits innerlich habe.

Zudem muss ich grade zu schauen wie ein Freund von mir aus der Klinik grade langsam stirbt. Ich mache mir wirklich Sorgen und er Kämpft immer noch nicht 100%ig gegen die ES. Ich will ihn nicht verlieren durch die krankheit und ich wünschte ich könnte ihn auch mehr helfen.


Mein Problem ist aber auch ich weiß es kann tödlich enden und ich weiß auch in der Bulimie kann es so sein. Nur ist das bei mir irgendwie ganz weit weg "Mir kann das ja nicht passieren, dafür habe ich das zu lange und noch NIE war etwas". Ich schaffe es nicht das es bei mir "klick" macht um die Folgen bewusst und auch bei mir ernst zu nehmen.

habt ihr euch schon mal Gedanken dadrüber gemacht? Habt ihr das Bewusst für euch vor den Augen?
Minni
 

Re: Sterben durch die Essstörung

Beitragvon fluchttier » Mo. 07.07.2014, 10:17

Hallo Minni,

ich bin noch recht neu hier, aber dein Beitrag hat mich grade sehr berührt, darum antworte ich dir einfach mal.

Ich selber hatte Anorexie, später durch FA stark zugenommen. Bin inzwischen im NG, aber die Gedanken der Essstörung sind immer noch in meinem Kopf. Immer da. Immer präsent.
Vor vier Jahren, bin ich nach einem Klinikaufenthalt wieder ins starke UG gerutscht und mein Arzt hat mir damals gedroht, mich zwangseinweisen zu lassen. Und ich weiß noch, wie er sagte, "Ihr Herz könnte jeden Augenblick aufhören zu schlage!" Mein EKG war ne Katastrophe. Mir war es egal. Im Gegenteil. Ich war sogar stolz darauf. Ich hatte es geschafft. Ich hatte soviel Disziplin. Und doch war ein kleiner Teil in mir, der es realisierte, dass mir diese Macht über mich durch eine Zwangseinweisung und dem Entzug der Entscheidungsfreiheit weggenommen werden kann. Mir war klar, dass ich sterben könnte. Ein Teil (und ein nicht kleiner!) von mir wollte dies sogar. Ich wollte nur noch sterben. Fragte mich, wie wohl meine Beerdigung ablaufen würde, etc. Ich hatte das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben.

Und doch bin ich jetzt immer noch hier, ein paar körperliche Schäden habe ich mitgenommen, aber ich lebe (ob ich das gut finde oder nicht, sei dahingestellt).
Ich denke, bei den meisten Essgestörten gibt es Anteile, die Leben wollen. Bei mir haben diese irgendwann die Kontrolle übernommen. Überleben. Aber es gibt auch Menschen, bei denen dieser Mechanismus vielleicht schon zu klein ist, oder die Stimme der ES zu unerträglich ist (was ich sehr gut verstehen kann)
oder, oder, oder. Ich will damit sagen, dass es wirklich schlimm ist, was eine Essstörung anrichtet, über Leben und Tod entscheidet. Menschen, die dabei zuschauen müssen unglaublich hilflos macht.
Was mir immer sehr geholfen hat, war eine Freundin, die mich immer so genommen hatte, wie ich bin. Sie hat nie die Essgestörte in mir gesehen, sondern die Person dahinter. Die Person, die ich schon lange verloren glaubte. Die Person, die von Ärzten oder Therapeuten übersehen wurde. Mein Ich.
Darum habe ich glaube ich überlebt.
Mit den Folgen der MS muss ich jetzt leben und es gibt immer noch die Stimme in mir, die schreit: komm, ein bisschen UG, ein bisschen abnehmen, zeig, dass du es noch kannst,... diese Stimme macht es mir unmöglich, 100% hinter MIR zu stehen und der MS entgültig den Rücken zu kehren. Auch wenn Spätfolgen da sind, hat mir die MS viel gegeben, war mir eine Bewältigungsmöglichkeiten in schlimmen Zeiten und lässt mich nach wie vor daran festhalten.
Also diesen "Klick" hat es bei mir auch nicht gegeben. Vielleicht gibt es ja andere, bei denen es diesen "Klick" gab?
Ich wünsch dir viel Kraft, für dein "ICH" zu kämpfen. Und für deinen Freund, ihn zu begleiten und ihn auf seinem Weg zu begleiten.
Sorry, ist lang geworden, ich hoffe ich hab nicht zu sehr "geschwafelt"!

Viele Grüße,
fluchttier
fluchttier
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Re: Sterben durch die Essstörung

Beitragvon Kleiner Elefant » Mo. 07.07.2014, 11:39

Hallo Minni,

ich habe keine Form der Essstörung und weiß auch nicht, ob der Gedanke, der mir beim Lesen kam, überhaupt passt. Ich versuch's trotzdem mal.

Diesen "Klick" brauchen oder brauchten wir alle hier, die hier im Forum sind. Ob bei Essstörung, Alkoholsucht oder erst der Gedanke, eine Therapie zu brauchen.
Bei wir war es die Therapie.
Ich habe mein Leben lang auf mich alleine aufgepasst....aufpassen müssen. Ich kann alleine überleben, ich bin selbstständig und habe die Kontrolle über mich. Und ich habe kontrollieren können, zu funktionieren.
Dann wurde ich in meiner Arbeitsstelle sehr schlecht behandelt. Mir wurden Dinge gesagt, die sehr verletzten und auch unangebracht sind/waren. Ich habe dann gekündigt. Arbeitslos.
Und da machte es "Klick". Ich war total depressiv, weißt Du. Ich habe funktioniert, mich beworben und gearbeitet, bevor die Therapie losging. Aber ich wusste, ich brauche sie. Denn ich habe die Kontrolle über mich verloren gehabt. Ich hatte keine Kraft mehr. Das, was ich dachte, was "Kontrolle" war, war keine mehr. Keine "Disziplin", zu funktionieren. Es war Qual. Und ich wusste, in der Therapie würde meine Mauer fallen und ich müsste das letzte bisschen Kontrolle über mich abgeben, damit es besser werden kann.
Der "Klick" kam, als ich rational realisierte, dass meine Gefühle versuchen, mich zu beschützen, es aber nicht können.
Deine Rationalität sagt Dir auch, dass Deine Essstörung gefährlich ist. Dass Du sie hast, weil Du schreckliche Dinge durchlitten hast. Und Deine Emotionen gaukeln Dir vor, Kontrolle zu haben. Aber mit dem Tod zu spielen....ist das Kontrolle?

Ich will Dir damit sagen, dass ich verstehe, was Du meinst, obwohl ich nicht esssgestört bin. Ich glaube, alle können es irgendwie verstehen. Weil alle den Klick brauchen.
Und vielleicht kommt er bei Dir, wenn Du die Gefühle wirklich wegsperrst und Dir bewusst wird, was mit Dir eigentlich passiert.

:knutroe:
Kleiner Elefant
 

Re: Sterben durch die Essstörung

Beitragvon Minni » Mo. 07.07.2014, 14:24

Danke ihr zwei das ihr mir schreibt.

Ich muss das erst mal Sacken lassen was ihr mir geschrieben habt.


:kiss:
Minni
 

Re: Sterben durch die Essstörung

Beitragvon mayalina » Mi. 18.03.2015, 18:06

Kleiner Elefant hat geschrieben:Hallo Minni,

ich habe keine Form der Essstörung und weiß auch nicht, ob der Gedanke, der mir beim Lesen kam, überhaupt passt. Ich versuch's trotzdem mal.

Diesen "Klick" brauchen oder brauchten wir alle hier, die hier im Forum sind. Ob bei Essstörung, Alkoholsucht oder erst der Gedanke, eine Therapie zu brauchen.
Bei wir war es die Therapie.
Ich habe mein Leben lang auf mich alleine aufgepasst....aufpassen müssen. Ich kann alleine überleben, ich bin selbstständig und habe die Kontrolle über mich. Und ich habe kontrollieren können, zu funktionieren.
Dann wurde ich in meiner Arbeitsstelle sehr schlecht behandelt. Mir wurden Dinge gesagt, die sehr verletzten und auch unangebracht sind/waren. Ich habe dann gekündigt. Arbeitslos.
Und da machte es "Klick". Ich war total depressiv, weißt Du. Ich habe funktioniert, mich beworben und gearbeitet, bevor die Therapie losging. Aber ich wusste, ich brauche sie. Denn ich habe die Kontrolle über mich verloren gehabt. Ich hatte keine Kraft mehr. Das, was ich dachte, was "Kontrolle" war, war keine mehr. Keine "Disziplin", zu funktionieren. Es war Qual. Und ich wusste, in der Therapie würde meine Mauer fallen und ich müsste das letzte bisschen Kontrolle über mich abgeben, damit es besser werden kann.
Der "Klick" kam, als ich rational realisierte, dass meine Gefühle versuchen, mich zu beschützen, es aber nicht können.
Deine Rationalität sagt Dir auch, dass Deine Essstörung gefährlich ist. Dass Du sie hast, weil Du schreckliche Dinge durchlitten hast. Und Deine Emotionen gaukeln Dir vor, Kontrolle zu haben. Aber mit dem Tod zu spielen....ist das Kontrolle?

Ich will Dir damit sagen, dass ich verstehe, was Du meinst, obwohl ich nicht esssgestört bin. Ich glaube, alle können es irgendwie verstehen. Weil alle den Klick brauchen.
Und vielleicht kommt er bei Dir, wenn Du die Gefühle wirklich wegsperrst und Dir bewusst wird, was mit Dir eigentlich passiert.

:knutroe:



toller Beitrag danke
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