Dissoziative Anfälle

Thematik dieses Forums: Dissoziationen wie Depersonalisation, Derealisation und andere dissoziative Zustände sowie Traumata und ihre möglichen Folgen, so wie u.a. auch die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die akute Belastungsreaktion oder die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) bzw. Multiple Persönlichkeitsstörung (MPS).

Dissoziative Anfälle

Beitragvon Gänseblume2007 » Do. 10.05.2012, 20:36

Hallo zusammen,
ich denke ich bin nicht alleine mit dieser Diagnose, auch wenn ich in all den Jahren niemanden kennen lernen durfte, leider!

Ich bin aktuell ziemlich am Boden zerstört, ja ich muss sagen, das grenzt schon an Depressionen. Ich fühl mich als würde man mir die Kehle zu drücken. Ich bekomm nicht mehr richtig Luft und ich fühle mich so alleine auf der Welt!

Ich bin 27 Jahre. Bis ich 12 war lebte ich ein ganz normales Leben. Ich denke ich hatte eine schöne Kindheit. Meine Eltern sind seid meiner Geburt getrennt, aber sie haben sich immer Mühe gegeben es uns so leicht wie möglich zu machen.
Als ich 12 war, sind wir umgezogen. In ein wunderschönes reetgedecktes Bauernhaus in einer wundervollen Gegend.
Dort begann mein neues Leben. Es gab da einen Mann, er war 22 Jahre älter als ich..... er war Landwirt, unser Nachbar. Mein Gott, ich war so verliebt.... aber ich war erst 12. Damals war das für mich ne klare Sache: Er liebt mich, ich lieb ihn und werden für immer glücklich zusammen sein. Ja so sind Kinder.... aber woher sollte ich es auch besser wissen? Er hat viel und gerne getrunken..... es war nicht immer leicht. Ich war zwar erst 12, aber für ihn musste ich die Leistung einer 30. Jährigen erbringen. Ich musste die perfekte Frau, Hausfrau und Landwirtin sein....
Es ist in den Jahren schrecklich viel vorgefallen. Ich kann nicht drüber sprechen, es tut so weh!
Das Ganze ging bis ich 18 war. Da gab es mal ne Phase, in der wir nicht viel Kontakt hatten. Erst mit 20 hab ich den Absprung geschafft, bin weg aus Schleswig Holstein, in ein anderes Bundesland.

Mit 13 hatte ich einen Reitunfall. Mein Pferd trat mich in den Bauch und ich knallte mit dem Kopf gegen das Weidetor. Keine Inneren Verletzungen oder Blutungen. Nur ein ordentliches Schädelhirntrauma und eine Nervenquetschung an der Wirbelsäule. Alles halb so wild.... nach 7 Tagen durfte ich aus dem Krankenhaus raus.

Meinen ersten Krampfanfall hatte ich ungefähr ein halbes Jahr nach diesem Reitunfall und es folgten unzählige. Ein normales Leben war kaum möglich. Gerade wenn ich aus dem Krankenhaus raus war, wurde ich wieder eingeliefert. Dank der vielen Krankenhausaufenthalte usw. hab ich nichts mehr wirklich auf die Reihe bekommen. Ich musste die Schule verlassen.... durfte meinen Hobbys nicht mehr nachgehen....
Ich war 3 Mal in einer Psychosomatischen Klinik, aber alles ohne Erfolg, denn damals hab ich ja gar nicht eingesehen, dass ich ein psychisches Problem habe.

Die Epilepsie war diagnostiziert.... also war die Sache für mich klar und alles andere war gelogen.

Erst 2006 wurde ich vernünftig auf Medikamente eingestellt. All die Jahr war ich mehr oder weniger ein Versuchkaninchen.

Von da an war Ruhe. Ich lebte ein neues Leben, ein besseres.
Ich hatte einen neuen Mann an meiner Seite, lebte weit weg von meiner Heimat und hatte endlich keine Anfälle mehr.
2007 kam unsere Tochter zur Welt. Ein wunderbares Geschenk, sie ist wundervoll!
Während der Schwangerschaft wurden alle Medikamente vollständig und erfolgreich abgesetzt.
2010 begann ich wieder zu arbeiten, erstmal auf 400 Euro Basis, im Service. Schon früher arbeitete ich gerne in der Gastronomie und auch jetzt hatte ich eine riesen große Freude daran.
2011 zogen wir um, endlich ein Haus mit Garten, mitten in der Natur! Wir erfüllten uns damit einen Traum. Wenig später wechselte ich den Arbeitsplatz und arbeitete von da an Vollzeit. Durch die verschiedenen Schichten klappte es super! Ich verdiente gut und war stolz auf mich!

Ich führte also fast 6 Jahre lang ein ruhiges, ganz normales Leben.... Natürlich gab es mal Phasen in denen ich an früher dachte, aber nur an oberflächliche Dinge. Ich hatte vergessen..... das dachte ich zu mindestens!

Im April diesen Jahres war dann Schluss mit dem Sonnenschein. Ich wurde ungeplant schwanger. Wir wollten nie ein zweites Kind. Mein Mann wollte es am wenigsten, fühlte sich dem nicht gewachsen. Es war eine furchtbar anstrengende und tränenreiche Zeit, aber für mich war klar, dass ich das Kind bekomme.
Dazu sollte es nicht kommen. Am 16.04 verlor ich das Kleine!
Wo ist da der Sinn? Erst der Schock, dass ich schwanger bin, dann all der Streit und Stress und dann reist das Kleine zu den Sternen.
Am gleichen Tag bekam ich eine Ausschabung, 3 Tage später hohes Fieber und wieder 2 Tage später sehr starke Blutungen.

Da bin ich dann ins Krankenhaus. Ich bekam Infusionen und musste da bleiben. 3 Tage später wurde ich dann nochmal operiert. Ich weiß noch wie ich da in der Vorbereitung lag. Die Ärzte suchten mal wieder stundenlang nach einer Vene für den Zugang. Ich hab einen furchtbaren Venenstatus. Ich bekam Musik auf die Ohren und da ich dort schon öfter operiert wurde und alles kannte, war ich recht entspannt. Ich machte die Augen zu und versuchte die vielen Einstiche einfach zu ignorieren.
Das letzte was ich weiß ist, dass ich eine lokale Betäubung am Hals bekam und sie dort den Zugang legten. Dann war vorbei....
Das war Dienstag Morgen!

Bei meiner nächsten Erinnerung sind wir bei Samstag. Ich bin in einem anderen Krankenhaus, meine Mama ist da und ich bin soooo wütend, ich bin außer mir. Wer sind all die Menschen und was sollen sie? Ich höre wieder "psychogen".... ich bin völlig benebelt von dem ganzen Diazepam und Dormicum, kann keinen Schritt gerade aus gehen. Es sind alles Bruchstücke die mir einfallen.... Richtige Erinnerungen hab ich erst, als ich wieder zu Hause bin.

Also laut Entlassungsbrief aus der Klinik, in der ich operiert wurde, kam es direkt nach der Op zu einem undurchbrechbaren Status epilepticus. Ich bekam eine Narkose, wurde intubiert und wurde auf die Intensiv verlegt. Am nächsten Tag wurde ich extubiert und es kam zu weiteren Anfällen.
Es wurde ein CT gemacht, welches unauffällig war. Ein hinzugezogener Neurologe setzte sich mit einer Klinik in Verbindung, in der ich früher mal war. Darauf hin wurde ich wieder auf Medikamente eingestellt, die gleichen wie früher (Ergenyl und Keppra).
Später wurde ich dann in ein anderes Krankenhaus auf die Neurologie verlegt. Dort kam es auch zu Anfällen, wohl eindeutig dissoziative Anfälle. Auch im EEG gab es keinen Hinweis auf einen epileptischen Herd.
Ich soll sehr verwirrt und depressiv gewesen sein.

Aber was mich am meißten an der ganzen Sache geschockt hat. Meine Mama hat mir erzählt, dass ich immer, sobald ich wach wurde von "ihm" gesprochen habe. "Er" ist an allem Schuld. Ich soll fürchterlich traurig gewesen sein, schrecklich viel geweint und gelitten habe. Ich soll wütend gewesen sein, unendlich wütend.
Ich weiß von all dem nichts. Aber eins weiß ich. Seid dem ich wieder zu Hause bin, bin ich wieder 12. Zumindest fühlt es sich so an. Plötzlich sind da so viele Erinnerungen und Bilder. Das war alles weg. Ich weiß gar nicht wohin da mit. Es tut so weh und es zerreißt mich.

Mein Hals ist eng.... meine Luft ist weg. Aber ich muss ja funktionieren. Meine Kleine war bis gestern krank, konnte nicht in den Kindergarten. Ich bin für sie verantwortlich. Da ist kein Platz für mich.....

Ich kann auch nicht reden. Nicht mit meinem Mann, nicht mit Freunde, nicht mit meinem Vater.... mit meiner Mama ein bisschen, aber fällt mir zusehends schwerer!

Ich bin also 12 und plötzlich sehe ich da ein kleines Mädchen, zu jung, einfach viel jung! Warum hat er das zugelassen? Warum hat er das getan?

Die Klinik hat übrigens nicht mit der Medikamenteneinstellung weiter gemacht. Sie sind sich sicher, dass der Grand Mal Anfall durch die Narkose ausgelöst wurde und alle anderen Anfälle dissoziativ waren.

Ich hab jetzt schon 20 Therapeuten angerufen, die sich mit damit auskennen, aber keiner hat einen Platz. Bei den Nerurologen das Gleiche. Gestern war ich in Krefeld in der psychotraumatologie. Es gab ein Erstgespräch, aber auch dort muss man monatelang auf einen freien Therapieplatz warten.

Nächste Woche fange ich wieder an zu arbeiten. Ich hoffe das lenkt mich ab.

Ich hab Angst vor weiteren Anfällen, andersrum glaube ich auch, dass meine Verantwortung meiner Tochter gegenüber mich davor schützt.

Ich hab keine Ahnung was ich jetzt machen soll..... nichts? Wieder Mal verdrängen und vergessen? Das ging ja schon mal 6 Jahre lang gut.

:cry: Eine sehr traurige Gänseblume.....
Gänseblume2007
 

Re: Dissoziative Anfälle

Beitragvon GLaDOS » Fr. 11.05.2012, 16:20

Hallo Gänseblume :)

Danke erstmal das du uns von dir erzählt hast, es tut mir von Herzen leid das du dein KInd verloren hast.

Du sagst du hattest ein Erstgespräch in einer Klinik, bist du auf der Warteliste für den Therapieplatz?
Besser du wartest ein paar Monate auf Hilfe als das du gar keine bekommst. In der zwischen Zeit versuch dich so gut es geht abzulenken (Arbeit, etc)...die Zeit vergeht meist schneller als man glaubt.
Gibt es in einer Klinik keine möglichkeit ambulant eine Therapie anzufangen...oder haben die Ärzte wo du angerufen hast keine Wartelisten?

:blumen:

LG GLaDOS
GLaDOS
 

Re: Dissoziative Anfälle

Beitragvon Vanilla » Fr. 11.05.2012, 17:33

Hatte nun Zeit und Ruhe alles durchzulesen, Gänseblume.
Du hast schweres hinter dir und ich hoffe, du bekommst bald Hilfe :troest:

Ich kann mich GLaDOS nur abschließen, lass dich unbedingt auf mehrere
Wartelisten setzen. Leider ist es normal, dass man lange warten muss
Dir wurde dieses Leben gegeben, weil du stark genug bist um es zu leben.
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Ja, ich hasse meine MS und sie mich scheinbar auch. Aber manchmal sitzen wir auch zusammen und lachen gemeinsam über meinen Gang

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Re: Dissoziative Anfälle

Beitragvon Gänseblume2007 » Fr. 11.05.2012, 19:56

Ja doch, ich hab mich bei denen es ging auf die Warteliste setzen lassen. Viele waren es nicht.
In der Klinik gibt es insgesammt 3 Vorgespräche. Das erste hatte ich ja, das Zweite ist am 30.07 :shock: . Und wenn die 3 Gespräche geschafft sind, muss man auf einen freien Platz warten. Also am Ende wird das auf keinen Fall schneller gehen.
Ich brauch wohl wirklich viel Geduld. Davon hab ich nur gerade keine.

Es gibt ja auch diese Familienberatungsstellen uns so.... hat da jemand Erfahrung mit?

Das das alles Zeit braucht und nicht von heute auf morgen klappt, war mir ja klar. Aber ich will endlich diese Nackenkralle los werden. :cry:
Gänseblume2007
 

Re: Dissoziative Anfälle

Beitragvon dieKleineInMir » Mo. 14.01.2013, 21:20

Liebe Gänseblume2007,

ich habe deinen Beitrag gelesen und er berührt mich sehr, da ich eine verblüffend ähnliche Geschichte mit mir trage. Ich würde mich sehr freuen, mit dir in Kontakt zu kommen. Vielleicht magst du mir ja eine PN schicken? (Meine Tochter wurde übrigens auch 2007 geboren)!

Alles Gute und viel Kraft!
Ich würde mich freuen, von dir zu hören.
dieKleineInMir
 

Re: Dissoziative Anfälle

Beitragvon Vanilla » Mo. 14.01.2013, 21:36

Gaenseblume2007 ist leider nicht mehr hier
Dir wurde dieses Leben gegeben, weil du stark genug bist um es zu leben.
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Re: Dissoziative Anfälle

Beitragvon Gast » Do. 06.10.2016, 14:18

Hallo zusammen

Mein Freund leidet auch an dissoziativen Anfällen. Er ging vor einigen Wochen nach Kolumbien um dort eine Alternativmedizin auszuprobieren. Bevor er ging hatte er täglich 1-4 Anfälle

Seit er zurück ist hatte er keinen einzigen Anfall mehr! :)
Gast
 


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