Definition: Sexueller Missbrauch

Es geht hier um die Themen sexueller Missbrauch und Nötigung bzw. Vergewaltigung sowie um körperliche wie emotionale Formen der Gewalt.

Wichtig: Die Inhalte dieses Unterforums können v.a. für Betroffene stark triggernd sein!

Re: Definition: Sexueller Missbrauch

Beitragvon erschöpft » Sa. 03.05.2014, 01:20

Der Text ist wirklich gut und informativ. für mich nicht viel neues dabei, hab schon viel gelesen.

Allerdings ist es sehr fokussiert auf die Familie als Tatort. ich weiß, die Mehrheit.
aber was ist mit den Fällen außerhalb der Familie`?
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Re: Definition: Sexueller Missbrauch

Beitragvon Eva Green Juice » Mo. 06.10.2014, 10:08

VORSICHT ---- TRIGGER !!!!!

Jetzt bin ich total verwirrt? Ich war auch ein Opfer sexualisierter Gewalt aber es war ganz anders. Wo gehoere ich jetzt hin?

Erst habe ich -unbewusst wohl- mitgekriegt wie meine Mutter von einem Besatzungssoldat, der sich bei uns einquartiert hat, waehrend mein Vater in der Kriegsgefangenschaft war, vergewaltigt wurde . Dann bin ich - zusammen mit meiner Familie und allen Anderen- zwei Jahre lang fast verhungert. Ich wurde ins Ausland geschickt, um mich vom Verhungern zu erholen. Meine Familie blieb zurueck, Zwischen dem Ausland und daheim war ein Eiserner Vorhang. Das Telefonieren war von der Besatzungsmacht verboten worden. Ich war ganz allein im Ausland. Ich war 6 Jahre alt und konnte noch nicht lesen und schreiben. Ich war 5 Wochen bei meiner Gastfamilie. Die hatten einen 15 jaehrigen Sohn, der mich vom ersten Tag an gequaelt hat. Es ist schnell eskaliert und hat auch sexuelle Toene angenommen. Er wollte mir immer die Fuesse waschen, hat mir nachts das Bettzeug weggerissen und wollte mich immer baden und hat mich auch oft gebadet (natuerlich nackt). Dabei hat er mich immer gequaelt und mir weh getan.

Eines Tages als die Eltern nicht zuhause waren hat er mich gefoltert. Dabei hatte er eine Erektion. Er hat sich sprichwoertlich an meinem Koerper und meinen Schmerzen aufgegeilt. Ich bin dann nach einiger Zeit Folter vor Schmerzen ohnmaechtig zusammengebrochen. Ich habe dies als Todeserfahrung empfunden. Er hat mich dann immer noch ohnmaechtig in sein Zimmer getragen. Ich vermute, dass er mich vergewaltigt hat oder es versucht hat.

Von der Folter hatte ich lebensbedrohliche - nicht sexuelle- Verletzungen erlitten. Die Leute versuchten jedoch das Ganze zu vertuschen, haben keinen Arzt gerufen, obwohl ich zwischen Leben und Tod war, und der Taeter hat mich gezwungen zu sagen, ich haette mir meine lebensbedrohlichen Verletzungen ( nicht sexueller Natur, moeglicherweise hatte ich aber auch sexuelle Verletzungen) selbst zugefuegt.Nach zwei weitern Wochen bin ich dann doch im Krankenhaus gelandet wo ich zum Teil von den Schwestern und dem Arzt als "Auslaenderin" seelich misshandelt wurde. EIne aussenstehende Frau hat mir das Leben gerettet und die Folter angezeigt. Es kam dann zu einem Gerichtsverfahren und der Taeter hat die Folter zugegeben. Es hat niemand gemerkt, das die Folter in Wirklichkeit ein Sexualverbrechen war oder dass sich hinter der Folter ein Sexualverbrechen versteckte. Es kam einfach niemand auf den Gedanken (nehme ich an) . DIe koerperlichen -nicht sexuellen- Verletzungen waren so schlimm, dass alles sich nur um diese gedreht hat. Ich habe dafuer ca 20 Operationen gebraucht.

Dass das mir angetane Trauma sexualiserte Gewalt war (und nicht " einfache" sadistische Gewalt ) habe ich erst viele viele Jahre spaeter als Erwachsener entdeckt. Das heisst,ich habe nach vielen Jahren ein zweites an mir begangenes Verbrechen entdeckt. Ich werde diesen TAg nie vergessen. Als ich das entdeckt habe, ist mir ein Riesen Stein von der Seele gefallen: "Jetzt kannst Du endlich heilen. Da sitzt schon all die Jahre ein Schrapnell in Dir, das DIch quaelt, und jetzt kann es entfernt werden". Ich war 3 Monate lang wie vom Zug angefahren. Es war wie ein Schlag in den Solar Plexus und gleichzeitig eine grosse Erleichterung und Hoffnung.

(Ich habe dann spaeter noch ein drittes Verbrechen entdeckt, das mit dem Vertuschen zusammenhaengt und hier nicht relevant ist.)

Seit meiner Entdeckung habe ich immer gedacht, ich gehoere in die community der missbrauchten Kinder, wir haben die gleichen Erfahrungen , wir sprechen die gleiche Sprache. Es hat mir geholfen, das ganze irgenwie einzuordnen. Denn das Trauma hat meine Partnerwahl und meine Sexualiataet, ganz stark gepraegt.

Aber nachdem ich diese Einfuehrung gelesen habe, wird mir wie in einem Blitzschlag klar, dass das nicht stimmt. Ich wurde nicht verfuehrt, es war eine andere Dynamik, es war reine Gewalt, ploetzlich, es war auch in einem anderen Land, (zwar bei Leuten, die Eltern und Famiienstelle uebernommen hatten). Das Vertuschen wurde genau so brutal gehandhabt, durch den Taeter, die Familie, das Krankenhaus, das auslaendische Rechtsystem, wie die Tat selbst. Ich war ins Paradies geschickt worden , bin in der Hoelle gelandet, und dann an Seele und Koerper schwer verletzt und entstellt, zurueck in mein eigenes Land und in meine wirkliche Familie zurueck katapultiert worden. (meine Geburtsfamilie hat sich um den koerperlichen Schaden gekuemmert, waren aber selbst vom Krieg, und von meinem Trauma so schwer traumatisiert, dass sie mich mit meinem seelischen Schaden alleingelassen haben. Ich habe ueberlebt, sogar halbwegs produktiv)

Jetzt (nachdem Lesen der obigen Erklaerung) kann ich das, was die sexualiserte Gewalt meiner sexuallen Identitaet und meinem Selbstverstaendnis angetan hat, nicht mehr einordnen. Es HAT meine Sexualitaet und Identiat , ja mein ganzes Leben auesserst stark bestimmt; ( mein erster Freund, an den ich meine Unschuld verloren habe, war aus dem gleichen -anderen- Land , der gleichen auslaendischen Stadt, sprach die gleiche -auslaendische - Sprache, war auch sadistisch und sah dem Taeter wie aus dem Gesicht geschnitten aehnlich und der sexuelle Kontakt mit ihm war der Ausloeser zweier Selbstmordversuche, (all das Jahre bevor ich wusste, dass das Folter=Verbrechen in Wirklichkeit ein Sexualverbrechen war) alle meine Maenner, einschliesslich meines Ehemanns, sahen dem Taeter aehnlich, der zufaellig wohl auch eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Besatzungsoldat hatte. Warum habe ich mir diese Maenner ausgesucht, wenn ich noch nicht einmal bewusst wusste, dass das Folter-Verbrechen in Wirklichkeit ein Sexualverbrechen war? Warum hat mich der sexuelle Kontakt mit dem"Zwilling" meines TAeters in den Selbstmord getrieben, wenn ich waehrend der sexualisierten Gewalt (im ZImmer des Taeters) waehrend der Folter ohnmaechtig war? Und mir das ueberhaupt erst ein halbes Menschenleben spaeter bewusst wurde? Und all die Jahre "mein" Trauma als "die Folter" und nicht als "das Sexualverbrechen" identifizierte ?) (Dies ist nicht meine Frage zum eigentlichen Thema, sondern ein Seitengleis).

Help! Ich kann' s nicht einordnen und ich kann es jetzt nicht mehr verstehen.Die Dynamik scheint anders zu sein, oder ist es doch die gleiche und ich kann die Gemeinsamkeiten nicht erkennen? War dann die sexualiserte Gewalt, die mir angetan wurde, kein Missbrauch? Sondern etwas anderes? GIbt es eine andere Kategorie in die das mir Angetane einzuordnen ist? Oder ist mein Fall ein Sonderfall des Missbrauchs und gelten dann andere "Regeln" (mit deren HIlfe ich das Geschehen verstehen koennte)? (Vielleicht sexualiserte Gewalt gegen Saeuglinge und Kleinstkinder, die sich ja auch nicht daran erinnern koennen, weil ihr Gehirn noch nicht so weit ausgereift ist, dass es Erinnerungen bilden kann)

Danke

_
Eva Green Juice
 

Re: Definition: Sexueller Missbrauch

Beitragvon Schnuffi » Di. 07.10.2014, 23:53

Heftig, was Dir angetan wurde... Tut mir unheimlich leid für Dich!

***TRIGGER***
.
Meines Erachtens besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass es sich um sexuellen Missbrauch handelte. Es hat ihn sexuell erregt, was er mit Dir gemacht hat; das war schon schlimm genug - abgesehen davon, ob es während Deiner Ohnmacht auch noch zur Vergewaltigung gekommen ist. Das liegt bei dem Fall allerdings leider nahe.
.
- Trigger Ende -

Du warst in der Obhut dieser Familie, warst darauf angewiesen, dass sie sich um Dich kümmern, fürsorglich mit Dir umgehen. Es war Dein Familien-Ersatz in dieser Zeit, und sie haben diese Verantwortung übernommen - das schließt alle Familienmitglieder ein.

Was für ein mieses Schwein. Ich hoffe, er bekommt noch seine gerechte Strafe - wenn nicht in diesem, dann im nächsten Leben. Das ist das einzige, was mir hilft gegen die ohnmächtige Wut, dass die Täter davongekommen sind. Bei Dir waren es ja dann auch noch mehrere später in Deinem Leben. Bei mir auch. Ich denke, das geht den meisten Betroffenen so. Der Missbrauch wird immer wieder re-inszeniert, da er nicht verarbeitet wurde.

Ich wünsche Dir Erholung und Heilung von den schlimmen Taten, die Dir zugefügt wurden!
Schnuffi
 

Re: Definition: Sexueller Missbrauch

Beitragvon Auraya » Mi. 08.10.2014, 21:54

Hey Eva...

als ich deinen Bericht gelesen habe, wurde ich daran erinnert das es vor meiner Generation eine andere gab und die mit ganz anderen Folgen zu leben haben.

Alles was du geschildert hast täte ich in den Bereich sexueller Missbrauch von Kindern einstufen.
Verführt ist für mich ein Begriff der es erträglicher machen soll, das ein anderer sich mit Gewalt genommen hat was er zur Lustbefriedigung brauchte.

Der Missbrauch von Schutzbefohlenen egal in welcher Form ist für mich bis heute das was mir unendlich weh tut und ich mich oft Frage: Wie konntet ihr nur, ich war doch noch ein Kind...

Ich mag mich heute nicht mehr in Schubladen stecken und stecken lassen und ich mag noch nicht mal mehr meine Traumas in Schubladen stecken, ich möchte verstanden werden und das gelingt mir i.d.R. am Besten wenn ich da Schreibe wo ähnliche Erfahrungen sind, wo verstanden wird wie weh es einem tat und wie schockierend es ist das niemand da war.

Mögest du einen Ort finden wo du über das was war trauern kannst in allen Formen um in der Zukunft leichter damit umzugehen.

Lieben Gruss

Auraya
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Re: Definition: Sexueller Missbrauch

Beitragvon erschöpft » Fr. 22.05.2015, 16:51

Ich war ab dem 3. Lebensjahr in Kontakt mit einem Pädophilen, von meinem 8. bis 10. Lebensjahr war ich sexuellen Handlungen ohne Gewaltanwendung ausgesetzt.
Der Täter war kein Familienmitglied.

Ich halte Aufklärung beim Thema sexuellen Missbrauchs sehr wichtig. Viele Kinder sind betroffen und können sich nicht schützen.
Was der Text mir nicht beantwortet ist, wo der Missbrauch wirklich anfängt? geht es um das Empfinden des KIndes oder Fakten? In meinem Fall wurde der Täter für "Vorbereitung auf sexuellen Missbrauch" verurteilt, ich empfinde das Geschehene aber eindeutig als Missbrauch (trotz Zweifel usw)

Habe ich dann das Recht, mich als missbraucht zu bezeichnen?
Auch wenn es keine Gewaltanwendung gab?
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Re: Definition: Sexueller Missbrauch

Beitragvon MajorSamCater » Sa. 23.05.2015, 08:40

Nun: Es ist eine Sache, ob etwas strafrechtlich betrachtet wird oder aus psychologischer Sicht.

Und im Endeffekt sollte das strafrechtliche hier nur Randerscheinung sein. Ich habe nie etwas zur Anzeige gebracht, dennoch fällt das mir Wiederfahrene unter irgendeinen dieser Begriffe.
MajorSamCater
 

Re: Definition: Sexueller Missbrauch

Beitragvon Müde34 » Mo. 12.10.2015, 06:21

Hallo,
ich habe mich in der letzten Zeit sehr emotional und intensiv mit dem Thema Missbrauch beschäftigt.
Ich bin männlich und jetzt 34.
Ich habe Missbrauch erlebt. Im Alter zwischen 10 und 14 Jahren immer wieder durch meinen 3 Jahre älteren Bruder.
Lange Zeit habe ich nicht mehr daran gedacht, hab es verdrängt und es teilweise sogar vergessen.
Momentan bin ich in psychotherapeutischer Behandlung. Habe es dort nicht angesprochen weil ich mich dafür schäme.
Ich weiß nicht ob es Missbrauch war...Oder wollte ich es auch? Ich trau mich deshalb nicht es anzusprechen und fühle mich sehr alleingelassen. Habe nie jemand was davon erzählt. Habe aber das Gefühl das mich diese Ereignisse geprägt haben in meinem weiteren Leben und das ich damit nicht mehr klarkomme.
Bin so verwirrt. vielleicht möchte Jemand was dazu schreiben.
Ganz liebe Grüße
Müde34
 

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