Kann nichts erreichen - zum Versagen verdammt

Wenn ihr depressiv seid, könnt ihr euch hier über die Krankheit Depressionen austauschen, aber auch über andere depressive Zustände wie Burn-Out oder die manisch-depressive (bipolare) Störung.

Kann nichts erreichen - zum Versagen verdammt

Beitragvon MessiasDerStille » So. 15.01.2017, 01:24

Ich frage mich ja wirklich langsam: Sollte das alles wirklich sein?

Als ich geboren wurde, hatte ich mir die Nabelschnur doppelt um den Hals gewickelt und wurde dann einen Tag später zwangsweise rausgeholt. Und ich frage mich bis heute: Warum hat man das getan? Vielleicht wusste ich damals einfach schon, wie beschissen mein Leben wird und dass es besser wäre, einfach nie geboren zu werden. Aber es musste leider passieren.

Mein ganzes Leben war... echt super. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere... ich hab entweder alleine oder mit meinen Geschwistern gespielt. Wenn ich Langeweile hatte, hat meine Mutter immer gesagt, sie hätte keine Zeit, mit mir zu spielen. Kurz darauf hat sie mit nem Kreuzworträtsel im Wohnzimmer gesessen. Oder ich wurde mit neuen Spielsachen vertröstet, mit denen ich mich alleine beschäftigen konnte. Das Highlight war immer, wenn wir draußen gespielt haben und unsere Mutter in meterweiter Entfernung irgendwo gesessen und uns zugesehen hat. Dann gab es so andere Dinge... was ich selbst machen wollte, durfte ich nie ausprobieren (entweder war alles zu schwer oder zu gefährlich), und was ich ein mal angefangen hatte, wurde vorausgesetzt, dass ich es immer tue (ich hab z.B. schon seit der Grundschule in unserem kompletten Haus Fenster putzen müssen, meine Geschwister mussten nichts tun). Dann gab es Sachen, bei denen meine Mutter immer wollte, dass ich so bin wie sie... Märchen gucken, Bücher lesen... hat mich nie interessiert. Ich wollte immer turnen, rennen, klettern. Ich wollte in der Grundschule Stuntman werden. Ich war zu Hause sehr wild und laut. Meine Mutter hat zu allem gesagt "das macht man nicht, das sagt man nicht, da fällt man ja auf". Ich durfte nie so sein, wie ich sein wollte. Sie hat es sich generell immer einfach gemacht... ich war am spielen, sie wollte, dass mir die Haare waschen, ich hab nein gesagt, wollte weiter spielen. Und sie meinte "dann lassen wirs eben, brauchst net glauben, dass ichs nachher noch mach". Mir wars egal, ich war ein Kind. Naja, den Lehrern ist es aufgefallen, aber nicht nur das. Auch, dass ich sehr still war, im Gegensatz zu zu Hause, hatte keine Freunde und war immer alleine. Hab ständig Hausaufgaben vergessen. Wurde von der Schule zu nem Psychologen überwiesen, meine Eltern haben mir damals erzählt, wie blöd die Lehrerin ist und dass sie denken würde, ich wäre verrückt oder irgendwas. Ich glaube inzwischen, dass es um Kindeswohlgefährdung ging. Ich hatte, bevor ich in den Kindergarten kam, nie Kontakt zu anderen Kindern (außer meinen Geschwistern) und konnte nicht mit anderen umgehen. Schon damals wurde ich oft von anderen blöd angemacht. Einmal hat mir ein Junge einfach ins Gesicht geschlagen, ohne Grund. Ich hab nichts gesagt, ich hab mich erschreckt und versucht, meine Brille, die ich damals hatte, wieder zusammen zu kriegen, damit keiner was merkt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich schuld bin. Weil ich immer schuld war, auch zu Hause. Meine (ältere) Schwester fragt mich, wie ich was finde, ich sag blöd, sie schlägt mich, ich bin schuld. Überhaupt bei allem, was ich gemacht habe, hatte ich immer das Gefühl, beobachtet und zurechtgewiesen zu werden.
Als ich dann älter war, fing dann auch das gezielte Mobbing an. Einfach nur, weil ich da war. Es kamen Leute zu mir mit nem blöden Spruch, die hatte ich mein Leben noch nie gesehen. Freunde hatte ich auch immer noch nicht. Anscheinend habe ich meine Opferrolle gut verkörpert. Meine mündlichen Noten standen damals noch überwiegend auf 4. In der Oberstufe sah das dann anders aus. Das Mobbing wurde noch schlimmer... wirklich respektlos das ganze Verhalten. Man konnte nicht mal mehr normal mit mir reden. Nach nem Referat hatte ich dann den Stempel "potenzieller Amokläufer" weg und habe gemerkt, wie mich alle angesehen haben. Ich hab mich nach den ersten paar Wochen in der 11 nie wieder gemeldet. Für Klausuren habe ich nichts getan, wurde nicht zum Abi zugelassen. Dann hab ich die 13 wiederholen müssen, hab wieder nichts gemacht und wäre beinahe wieder durchgefallen. Ich konnte einfach nicht. Ich konnte nach einer Unterrichtsstunde nicht sagen, was überhaupt Thema war. Wenn ich versucht habe, einen Satz zu lesen, konnte ich nicht sagen, worum es ging. Meine Augen sind im Unterricht ständig zugefallen, obwohl ich genug geschlafen hatte. Mittags bin ich tot ins Bett gefallen, hab stundenlang geschlafen. Irgendwie bin ich dann durchgekommen, mit nem super Schnitt, der so übel ist, dass ich kaum ne Chance auf nen guten Studienplatz überhaupt gehabt hätte. Dann hab ich mich beworben, wurde abgelehnt. Wusste nicht, was ich machen sollte. Hab rumgeschlendert, meine Mutter hat mir Vorwürfe gemacht, statt sich dafür zu interessieren. Ich solle ja nicht glauben, ich könne ihr auf der Tasche liegen (zu dem Zeitpunkt musste ich mir außer Essen und Schulsachen alles selbst kaufen und von meinem Kindergeld hab ich nie was gesehen). Dann hat sie mich mal gefragt, was ich nach dem Abi denn machen wolle und ich meinte, dass Fotografieren was für mich wäre. Meine Mutter meinte, ich hätte ja wohl kaum Abi gemacht, um dann Fotografin zu werden. Ja, ich weiß, ich entspreche nicht deinen Vorstellungen und alles, was ich mache, ist schlecht. Also hab ich monatelang nichts gemacht. Nach ein par Monaten war ich dann noch mal bei nem Bewerbertreffen in nem Betrieb. 12 Leute waren da... als ich mich vorstellen sollte, wurden gleich 2 negative Dinge angesprochen, während alle anderen bis sonst wo gelobt wurden. Und auch in der Kleingruppenarbeit bin ich wohl total untergegangen. Kurz darauf bekam ich die Absage. Bin dann in der Berufsvorbereitung gelandet, in der eigentlich nur Hauptschüler oder Leute ohne Abschluss landen. Hab mich super mit meinem Betreuer verstanden, er hat mich wirklich geschätzt und ich hatte das Gefühl, was wert zu sein. Dadurch kam ich dann ins Praktikum in nem Kindergarten. Hat mir super viel Spaß gemacht und obwohl ich oft Kritik bekommen habe, dass ich zu still und unsicher bin, wurde ich an der Schule für die Ausbildung angenommen. Die Theorie hab ich ohne größere Probleme bestanden. Wobei es in beiden Blockpraktika wegen meiner Unsicherheit sehr gehängt hat. Erst hieß es, es reicht nicht und das Praktikum wird nicht als bestanden angenommen. Aber ich bin irgendwie durchgekommen. Jetzt bin ich im Anerkennungsjahr seit nem halben Jahr fast und immer noch nicht richtig angekommen. Es gibt noch andere Praktikanten (ja "nur" Praktikanten), neben denen ich total untergehe. Dann gabs wieder nen Lehrerbesuch, ich war froh, dass meine Aktion mit den Kindern geklappt hat, meiner Lehrerin fehlt meine Sicherheit. Dann haben wir nen Bericht geschrieben, sie gibt mir ne 5 (ich hatte auf meiner bisherigen bei ner anderen Lehrerin ne 2 und ne 1-). Dann kommt sie mich noch mal besuchen, ihr fehlt die Sicherheit. Meine Anleiterin aus der Kita hat mich als "hölzern" bezeichnet. Mir würde Empathie fehlen. Keine Wärme, keine Offenheit. Mir wurde empfohlen, die Ausbildung ab- oder zu unterbrechen. Genau das, was ich eigentlich wollte, weil ich wusste, dass ich nicht bereit bin. Und jetzt musste ich wieder erst scheitern. Ich merke auch irgendwie, dass es wahr ist. Ich halte mich zurück, fühle mich nicht wohl. Habe hospitalistische Züge, mach Schaukelbewegungen. Bin oft mit den Gedanken sonst wo, manchmal ist es mir egal, was die Kinder machen, weil ich keine Lust habe, einzugreifen, weil es sowieso nicht klappt, wenn ich was sage. Manchmal ist es mir auch egal, wenn ich vor ein Auto laufe. Manchmal ist es mir auch egal, ob ich vergewaltigt und dann umgebracht werde. Dann müsste ich mich wenigstens nicht mehr dafür rechtfertigen, warum ich nur Scheiße baue.
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Re: Kann nichts erreichen - zum Versagen verdammt

Beitragvon Ruby » Mo. 16.01.2017, 12:05

Hallo liebe MessiasDerStille,

Du hast das Abi durchgezogen und geschafft. Das habe ich zum Beispiel nicht geschafft. So viel zum Versagen...

Würdest Du denn immer noch gerne eine Ausbildung zur Fotografin machen? Welcher Bereich der Fotografie würde Dich denn interessieren? Vom künstlerischen Bereich bis hin zum gewöhnlichen "Passfoto-Fotografen" gibt es da ja enorm viel. Vielleicht wäre ja eine Fotoschule oder eine Medienschule etwas für Dich. Falls Fotografin wirklich Dein Wunschberuf ist, könntest Du diese Idee auch weiterhin verfolgen. Dazu ist es ja nicht zu spät. Ganz im Gegenteil. Fotografin stelle ich mir recht interessant vor. Vielleicht wäre das ja wirklich ein Beruf für Dich.

Ganz lieben Gruß
Ruby
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Re: Kann nichts erreichen - zum Versagen verdammt

Beitragvon MessiasDerStille » Mo. 16.01.2017, 19:38

Hallo Ruby.

Ich weiß nicht, ob ich Fotografin werden möchte. Ich wusste halt immer, dass es entweder was Kreatives oder was Soziales sein wird. Im Büro sitzen wollte ich nie. Heute würde mich das zwar noch interessieren, aber andererseits denke ich auch, dass ich mir damals mich selbst als eine offene und selbstsichere Frau vorgestellt habe, die einfach ihr Ding macht (ja, wenn dann wirklich professionell mit Models oder für irgendwelche Kataloge oder so), aber heute weiß ich auch, dass ich diese Person nicht bin. Ich bin einfach für alles zu unsicher und dabei denke ich auch, dass es eher bei nem (damaligen) Hobby bleibt. Ich hatte ja nicht mal ne richtige Spiegelreflexkamera oder sowas. Aber da war ich eben auch noch einige Jahre jünger.

Aber auch jetzt, wo ich älter bin und jahrelang mit Kindern gearbeitet bzw. Praktika gemacht habe und immer total zufrieden war, merke ich jetzt, nach Jahren wirklich, dass ich nicht daran gewachsen bin. Oder nicht genug. Ich hab die theoretische Ausbildung bestanden, ja, aber trotzdem werde ich wegen gewisser Noten, oder spätestens im Vorstellungsgespräch abgelehnt, weil man mir meine Unsicherheit einfach immer anmerkt. Wenn man meine Eltern fragt, können die sich mich sowieso nicht in dem Berufsfeld vorstellen. Und es ist bei allem so, auch wenn man mir sagt, mal nen Kreis auf das Blatt. Man merkt immer, dass ich zöger, nicht sicher bin und ohne Anweisungen nicht handle. Ich bin zu unsicher, um selbst was in die Hand zu nehmen. Selbst davor, als ich mich auf was Kreatives beworben hatte, wo es ja um Ideen und Kreativität geht, wurde ich abgelehnt, weil ich unsicher bin.
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