Depressive Verstimmung

Wenn ihr depressiv seid, könnt ihr euch hier über die Krankheit Depressionen austauschen, aber auch über andere depressive Zustände wie Burn-Out oder die manisch-depressive (bipolare) Störung.

Depressive Verstimmung

Beitragvon Brandow88 » Do. 10.12.2015, 14:11

Hallo Zusammen


Ich habe mich lange zurückgehalten mit Schreiben, doch nun will ich es tun. Es wird ein längerer Text, so dass ich versuche, die Abschnitte gut leserlich einzuteilen.

Nun zu mir: Ich bin 27 Jahre alt, studiere Psychologie und lebe momentan in einem Studio für mich. Seit ca. 8 Jahren fühle ich mich lustlos, habe wenig Antrieb und Energie und vermisse die Freude am Leben. Es begann ungefähr zum Zeitpunkt, wo ich ins Gymnasium eingetreten bin. Das erste Jahr war furchtbar: Ich habe den Tritt nicht gefunden, war an einem fremden Ort, verstand mich mit den Leuten nicht und habe nach einem Jahr in ein anderes Gymnasium gewechselt, da ich auch von den Noten zu knapp dran war. Dort war es ein bisschen besser, aber nicht viel. Warum genau die Symptome dort angefangen haben, weiss ich nicht wirklich. Ich würde jedoch immer etwa diesen Zeitpunkt nehmen, wenn ich gefragt würde, wenn denn die Symptome angefangen haben.

Das Studium mache ich heute mehr, dass überhaupt studiert ist. Denn ich weiss, dass es auch heute noch ein Privileg ist, Studieren zu können. Die Freude haltet sich leider in Grenzen. Viele Prüfungen muss ich mehrere Male schreiben, da ich mich nicht aufraffen kann, genug zu lernen, doch nun habe ich immerhin einen Abschluss, den Bachelor. Man könnte nun vielleicht sagen: Suche dir etwas Anderes. Nur ist es so, dass ich keine Ahnung hätte was sonst. Die unzähligen Male beim Berufsberater haben nichts gebracht.

Seit ich 20 bin ging ich immer mal wieder zu einem Psychologen oder Psychiater. Insgesamt komme ich so auf etwa 35 Therapiestunden. Unter dem Strich muss ich leider sagen, dass es gar nichts gebracht hat. Während den Sitzungen habe vor allem ich geredet, dann wieder mal der Therapeut und das war es. Nachdem die Stunde fertig war, hatte es auch keinen Einfluss mehr auf mich. Es fühlte sich mehr an wie einen Tropfen auf einen heissen Stein. Und dass, obwohl ich krampfhaft probiert habe, von diesen Sitzungen zu profitieren. Seit ca. einenhalb Jahren habe ich angefangen zu meditieren, vor allem weil ein Kollege überzeugt ist, dass ich so mein Problem in den Griff bekomme. Da man sich hierbei in sich Horcht, habe ich versucht, mein Problem herauszufinden. Ich habe nach einem halben Jahr bemerkt, dass ich von ständigen Kopfschmerzen begleitet werde. Das Komische ist nun, dass ich die Kopfschmerzen ständig wahrnehme, seit ich sie beim Meditieren entdeckt habe. Die vorherigen Jahre habe ich von ihnen eigentlich nicht gross mitbekommen, lediglich die Symptome von Antriebs- und Energielosigkeit und Freudlosigkeit. Eine Apothekerin sagte mir sogar, ich solle froh sein, denn nun habe ich etwas Konkretes in der Hand.

Gegen die Kopfschmerzen habe ich Magnesium genommen einen Monat lang, ohne Erfolg. Gleiches gilt für Johanniskraut Tabletten und Schüsslersalze, über einen Zeitraum von ca. einen Monat. Ebenfalls habe ich je einen Monat die Antidepressiva Deangxit und Cipralex probiert, leider wieder ohne Erfolg. Einmal habe ich 4 Monate lang jeden Tag 10 Affirmationen vorgelesen, nach 4 Monaten ohne Wirkung damit jedoch wieder aufgehört. Sport, insbesondere Fussball, mache ich regelmässig einmal pro Woche. Daneben fahre ich ca. 5x in der Woche eine halbe Stunde Fahrrad. 1-3x pro Woche gehe ich mittlerweile in den Fitnessraum in der Uni und mache Kraftübungen. Beim Essen könnte ich noch mehr Vitamine zu mir nehmen. Ich esse oft viel Teigwaren und Fleisch. Reisen reizt mich auch nur bedingt. Als ich 21 war, ging ich 3 Monate alleine in die USA. Das war nicht schlecht, aber auch zu wenig gut als dass ich wieder weggehen möchte.

Schlafen tue ich trotz der zuvor genannten Symptome relativ gut. Der Appetit ist seit Ende der Pubertät durchschnittlich, vorher habe ich ziemlich viel gegessen.

Ich empfinde mein Leben als langweilig. Das, obwohl ich in den letzten 2 Jahren Fallschirmspringen sowie Gleitschirm ausprobiert habe, dazu habe ich eine Woche lang eine Kreuzfahrt gemacht, sowie Paintball und Canyoing als Höhepunkte. Ich will damit zeigen, dass es nicht an Aktivitäten mangelt, sondern mehr daran, wie ich sie wahrnehme.

In den Ausgang ging ich zwischen 18 und 23 Jahren. Unter dem Strich waren das alles sehr durchzogene Abende, die mich kaum einmal gefesselt haben. Und das, obwohl ich immer wieder mit verschiedenen Leuten weggegangen bin. Das zeigt mir, dass das Problem bei mir liegt und nicht bei meiner Begleitung. Mittlerweile gehe ich schon gar nicht mehr, da es mir kein Vergnügen bereitet. Selbst nur ein Getränk in einer Bar zu nehmen ist mir oft zuwider. Was ich noch erwähnen muss ist, dass ich mit 18 unbedingt eine Freundin wollte. Ich habe mir unzählige Bücher über Verführungen und Mindsets reingezogen und wurde ein richtiger Freak. Eine erste Beziehung hatte ich jedoch erst so mit 23 Jahren. Zuvor habe ich mich unzählige Male über gescheiterte Dates und erfolglose Ausgänge aufgeregt und fühlte mich sehr schlecht, hatte ich doch gemäss der Theorie alles was es brauchte um grossen Erfolg zu haben. Denn am Aussehen liegt es nicht und mit einer Grösse von 185 cm habe ich ebenfalls gute Voraussetzungen. Doch nachdem ich auf diesem Gebiet nun meine Erfahrungen gesammelt habe, ist diese Faszination für dieses Thema stark zurückgegangen.

Ich habe trotz allem genug soziale Kontakte, doch ich gebe mich mit ihnen zurückhaltend und will viel Ruhe für mich. Das stört auch je länger je mehr meine Freundin, die mich viel öfters sehen will. Ich habe mittlerweile auch das Gefühl, dass ich noch nie verliebt gewesen bin und habe meiner Freundin das auch erzählt. Es ist mehr so, dass ich es noch so cool finde, dass ich mit ihr zusammen bin. Sie hat es zur Kenntnis genommen und probiert wahrscheinlich insgeheim, mich für sich zu gewinnen. Doch obwohl wir jetzt 10 Monate zusammen sind, gehe ich immer noch sehr auf Distanz und will Freiraum. Das führt oft zu viel Streit. Bei mir ist es so, dass ich mich oftmals nicht wirklich besser fühle, wenn ich mit Leuten etwas unternehme. Ich meine, nicht so richtig. Das ist das Problem. Für mich ist momentan Alles lauwarm, nichts ist wirklich gut. Und das führt schlussendlich dazu, dass das Verhalten nicht verstärkt wird und ich es nicht regelmässig machen will.

Dass es mir an Unterstützung nicht mangelt zeigt der Umstand, dass ein Kollege von mir sich bereit erklärte, mit mir jedes Wochenende zu telefonieren oder zu treffen und mir Ratschläge fürs Meditieren und sonstige Problem geben zu können. So eine Art Coaching, da er sehr stark auf diesem Gebiet ist. Ich kann mir vorstellen, dass nicht viele Leute auf so eine Unterstützung zurückgreifen können. Seit einenhalb Jahren machen wir das nun schon, mit einem Arbeitsheft wo ich unsere Sitzungen dokumentiere. Leider ist der Fortschritt sehr bescheiden, obwohl sich mein Coach ziemlich ins Zeug legt. Ich lege auch hier die Vermutung nahe, dass ich das Problem bin.

Über mein bisher geschildertes Problem habe ich mit vielen Personen aus meinem Umkreis diskutiert. Wirklich etwas Bahnbrechendes ist bisweilen leider nicht herausgekommen. Am Frustrierendsten ist für mich nach wie vor die Tatsache, dass ich Vieles probiere aber trotzdem nicht vom Fleck komme. Das hat zur Folge, dass ich in regelmässigen Abständen emotional explodiere und zynisch über die Welt rede. Das ist für mich und auch aufgrund der menschlichen Natur nur logisch, dass man frustriert reagiert, wenn man trotz längerem Engagement nicht zum Ziel kommt. Von daher gehen ich mit mir hier nicht zu stark ins Gericht.

Ich würde trotzdem gerne Antworten aus dieser Stelle hier erhalten. Hat Jemand ein Ähnliches Problem gehabt und es überwunden? Wenn ja wie? Hat jemand sonst konstruktive Schritte als Rat?



Vielen Dank!
Brandow88
 

Re: Depressive Verstimmung

Beitragvon Gruenchen87 » Do. 10.12.2015, 22:17

Hallo Brandow88,

erstmal sehr gut, dass du dich hier ebenfalls öffnest. Wo kann man mehr Hilfe/Erfahrungen erwarten, denn unter "Gleichgesinnten". :wink:

Wenn ich deinen Text und deinen Werdegang so lese, sehe ich das Problem in einer gestörten Wahrnehmung. Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit etc. wird meiner Einschätzung nach durch diese gestörte Wahrnehmung ausgelöst bzw. verstärkt, kann das sein?

Du sagst, du hast Psychologie studiert bzw. studierst sie noch. Was war dein Grund dafür, dieses Studium zu wählen? Nur der Gedanke, dass du sonst keine Ahnung hättest, was für dich beruflich in Frage kommt oder ist das schon bewusster gewählt?

Du schreibst, dass du immer mal wieder in therapeutischer Behandlung warst. Also eher keine "richtige" gezielte, zusammenhängende Therapie? Welche Art Therapie war das? Klingt so nach Tiefenpsychologie. Vielleicht kommt eine andere Art eher für dich in Frage? Ich selbst habe vor nicht allzu langer Zeit noch mit einer schweren depressiven Episode nebst Angsterkrankung/Zwangsstörung zu kämpfen gehabt und habe seit 2011 deshalb eine ambulante Verhaltenstherapie gemacht und mich zweimal in eine psychosomatische Tagesklinik begeben, was mir sehr viel gebracht hat. Wäre so ein Aufenthalt für dich evtl. auch etwas?

Außerdem würde ich an deiner Stelle nochmal sehr gründlich mit einem Psychiater über das Thema Medikation sprechen. Gewiss unterstützen die Medikamente den Fluss des Serotonins im Gehirn wieder, sodass Gefühle und Wahrnehmung wieder normalisiert werden können, aber die alleinige Einnahme ohne begleitende Therapie ist meist wenig erfolgversprechend. Ich habe aufgrund meiner Angsterkrankung keine Medikamente genommen, weil sich Angst und Nutzen im Wege gestanden hätten. Und mir geht es wie gesagt zurzeit und schon seit längerem sehr gut, aber die Rückfallquote ist ohne Medikation ungleich höher, d.h. ich muss noch genauer auf evtl. Warnsignale achten, bevor ich wieder im Strudel bin.

Deine Gefühle bzw. die Wahrnehmung "wie durch einen Wattebausch" kann ich sehr gut nachvollziehen. Noch heute habe ich in einzelnen Momenten das Gefühl, nicht fühlen zu können. Ich habe in der Therapie gelernt, wie ich mir dann helfen kann. Ähnlich, wie dein Freund, der dich "coacht", was ich übrigens sehr schön finde! Solche Freunde sind rar. Überhaupt scheinst du gut aufgestellt zu sein, sodass du, das lese ich so ein bisschen raus, wahrscheinlich noch mehr das Gefühl hast, dass es dir gut gehen MUSS, weil eigentlich alles gut ist.

Glaube mir, das denken viele Depressive und haben dann aufgrund der Erkrankung noch negativere Gedanken, Schuldgefühle etc. etc. Das ist diese Spirale, in der man zu versinken droht. Es muss nicht immer von außen erkennbar sein, warum man depressiv geworden ist. Wie bei dir, so vermute ich es zumindest, kann es auch wirklich eine "einfache" hormonelle Störung sein, auch ein Besuch beim Endokrinologen lohnt sich! Körperliche Ursachen (Schilddrüse zb.) sollten vor dem Beginn einer Therapie sowieso ausgeschlossen werden.

Ich wünsche dir, dass du für dich einen Weg findest und dass du die Kraft behältst, nach einer Lösung zu suchen.

LG, Gruenchen
Gruenchen87
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Registriert: Mo. 07.12.2015, 14:56

Re: Depressive Verstimmung

Beitragvon franzlex » Mi. 22.03.2017, 20:34

Hallo Brandow88

Ich kann nur aus meiner Erfahrung berichten, und immerhin habe ich seit 27 Jahren immer
wieder Depressionen. Für mich sieht es aber so aus, dass Du einfach mehr der Medikation
mehr Zeit geben musst. Die Wirkungsdauer, bis man die ersten Anzeichen einer Besserung
verspürt, kann bei Antidepressiva u. a. auch Cipralex, 6-8 Wochen dauern, und dann kann
man erst mit der Feineinstellung der Milligramm beginnen. Ich weiß, das ist eine lange Zeit,
weil man eigentlich sofort Hilfe benötigt. Zusätzlich kommt noch dazu, dass eine Medikation
oft aus verschiedenen Antidepressiva besteht, die miteinander harmonieren müssen.
Bei Naturmitteln wie Johanniskraut, Baldrian usw. gilt ähnliches.
Habe einfach mehr Geduld, auch wenn es in der Phase einer Depression schwer fällt.
LG
Franz
franzlex
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Registriert: Mi. 19.10.2016, 10:21


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