Betreuung wegen psychischer Krankheit und Arbeitgeber

Hier könnt Ihr allgemein über psychische Störungen und Krankheiten sprechen bzw. wenn Ihr Euch nicht auf eine spezielle Thematik festlegen wollt.

Falls Ihr nicht genau wisst, um was für eine Störung es geht oder in welchem Unterforum es passen würde, könnt Ihr ebenfalls auch erst einmal hier schreiben.

Betreuung wegen psychischer Krankheit und Arbeitgeber

Beitragvon gästin2208 » Mo. 22.08.2016, 18:15

Hallo zusammen,

ich bin momentan etwas überfordert mit der Situation und brauche einen Rat.
Es geht nicht um mich persönlich, sondern um einen Kollegen.

Er ist bereits mehrmals wegen psychischer Krankheiten ausgefallen in den letzten Jahren und ich habe das Gefühl dass es wieder losgeht bei ihm. (Die letzten beiden Male waren es schizophrenie und bipolare Störung)
Ich verstehe mich gut mit ihm (wenn er nicht gerade in einer manischen Phase ist) und mir hat er jetzt ein paar Dinge anvertraut. Gleichzeitig hat er aber gesagt ich soll niemandem etwas darüber erzählen, und schon gar nicht dem Chef weil er möchte nicht wieder in die geschlossene... :-(

Das Problem ist, dass er jetzt schon bereits sehr auffällt in der Firma mit seinem Verhalten und viele Leute machen sich Sorgen um ihn. Es ist bekannt dass er krank ist/war, er ist letztes Mal sehr offen damit umgegangen und hat nach seiner Rückkehr jedem der es wissen wollte alles über seine Krankheit erzählt.

Nur war es auch beim letzten Mal so dass er nicht einsichtig war und nur dadurch dass ich den Chef und seinen Bruder informiert habe, ist es dazu gekommen dass er sich in Behandlung begeben hat.

Damals stand er auch noch längere Zeit nach seiner Rückkehr in die Firma unter Betreuung - diese Betreuung hat er jetzt von sich aus wieder beantragt beim Gericht weil er nicht klarkommt mit seinem Leben, finanzen usw. (er merkt wohl dass etwas nicht stimmt und kümmert sich jetzt schon mal selbst)

Das hat er mir erzählt und ich bin jetzt irgendwie hin und hergerissen ob ich dem Chef doch was erzählen soll. Wenn am Ende doch was passiert, heißt es ja immer "warum hat keiner was getan".

Kennt sich jemand von euch evtl. aus? Muss das beim Arbeitgeber bekannt gegeben werden wenn jemand unter gerichtlicher Betreuung steht? Oder geht das den Arbeitgeber nichts an...das kann ich mir nämlich nicht vorstellen...

wir sind ein großer Konzern mit Betriebsarzt, Betriebsrat und Sozialer Beratungsstelle - ich habe dem Kollegen geraten doch mal eine der Personen anzusprechen aber genau das lehnt er ab weil er vermutlich schon weiß dass die zu einer stationären Therapie raten werden...

Was meint ihr, soll ich das mal mit dem Chef besprechen oder nicht?

Ich habe so ein ungutes Gefühl bei dem Kollegen, er wirkt auf mich wie ein Pulverfass was jeden Moment losgehen könnte... heute hat er mir erzählt dass er den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen hat weil die "wollen ihn wieder in die geschlossene stecken"....
er braucht auf jeden Fall hilfe... aber bis das mit der Betreuung durch ist, vergehen ja noch ein paar Wochen... er war auch schon bei einem Psychiatrischen Gutachter deswegen, aber der hätte wohl gesagt er soll sich einen ambualnten therapieplatz suchen...

das dauert ja alles ewig.... :-( - wir zwei sind im Büro ein gutes Team, müssen eng zusammen arbeiten, haben auch Kundenkontakt und mir fällt das eben schneller auf als den anderen Kollegen oder dem Chef der gar nicht bei uns im Raum sitzt... zumal der Chef jetzt auch 4 Wochen gar nicht hier war und nichts mitbekommen hat...

Danke euch schon mal für das lesen
Lavinia
gästin2208
 

Re: Betreuung wegen psychischer Krankheit und Arbeitgeber

Beitragvon Richi » So. 28.08.2016, 15:56

Hallo Lavinia
Ich habe Deinen Beitrag gelesen und kann mir gut vorstellen, in welch einer schwierigen Lage Du Dich gerade befindest. Es ist nicht so einfach, Deine Fragen so zu beantworten, denn dafür müsste man einfach mehr Fachwissen haben. Es geht hier ja nicht nur um die Erkrankung Deines Kollegen, sondern um die damit verbundene Betreuung und was es um so schwieriger macht, um die Situation am Arbeitsplatz und die Einbeziehung des Arbeitgebers.
Zuerst möchte ich Dir sagen, dass Du Dir keine Vorwürfe machen solltest. Du bist nicht für alles verantwortlich und solltest Dir daher nicht so viele Schuldvorwürfe machen. Nach dem was Du geschrieben hast, hat Dein Kollege eine ziemlich schwere Erkrankung, die verschiedene Phasen haben kann. Ein Teil der Verantwortung bleibt auch bei Deinem Kollegen und auch bei seinen Angehörigen. Zur hat hat er ja noch keine Betreuung oder ist irgendwie "Entmündigt", kann also noch zum Teil selber Handeln.
Es ist gut, dass Du versuchst, Dich um ihn zu kümmern. Jedoch sollte dadurch für Dich keine Überforderung entstehen. Irgendwie scheinst Du zwischen den Stühlen zu sitzen. Ohne wirkliche Einsicht Deines Kollegen in welcher Phase seiner Erkrankung er sich befindet, ist es sehr schwer etwas zu unternehmen. Von außen kann ich dazu nichts sagen. Es ist jedoch positiv, dass sich Dein Kollege schon in der Vergangenheit hat helfen lassen und auch jetzt bemüht ist, etwas zu verändern. Ohne professionelle Hilfe wird es wohl nicht gehen.
Ich glaube aber, wenn die Störung richtig heftig zum Ausbruch kommt, dann könnte es schnell passieren, dass Dein Kollege sich seiner schweren Störung nicht bewusst ist. In ganz heftigen Fällen wird es ohne Klinik wohl nicht gehen. Ich hoffe aber, dass sich Dein Kollege, da er ja schon Erfahrungen mit den Phasen seiner Erkrankung machen konnte, sich vielleicht noch einmal darüber Gedanken macht, was in dieser Phase eigentlich zu tun ist. Wenn Du die einzige Vertrauensperson bist, da könnte es dennoch für Dich schnell zu einer Überforderung kommen. Die Angst Deines Kollegen vor der Klinik ist schon nachvollziehbar, dennoch ist es in heftigen Fällen die richtige Entscheidung, denn es steht doch eigentlich viel auf dem Spiel. Es wäre natürlich schön, wenn sich der Zustand Deines Kollegen wieder verbessern würde. Jedoch nachdem was Du geschrieben hast, könnte es auch in naher Zukunft zu einer evtl. Zwangseinweisung kommen, um schlimmeres zu verhindern. Die Beeinträchtigungen scheinen sich schon auf die privaten und vielleicht auch bald auf die beruflichen Aufgabengebiete auszuwirken.
Nach meinem Kenntnisstand kann man durch rechtzeitiges Gegensteuern, einiges zur Verbesserung der Situation eines Betroffenen erreichen. Ich glaube, dass ein Klinikaufenthalt nur die letzte Alternative darstellt. Mit einer regelmäßigen ambulanten Therapie und einer evtl. richtigen medikamentösen Behandlung kann man bestimmt einiges erreichen. Eine Selbsthilfegruppe ist auch eine sinnvolle Möglichkeit (vielleicht findest Du etwas unter Bipolar-Selbsthilfe Netrzwerk).
Das Thema mit dem Arbeitgeber kann ich nicht beantworten, denn ich weiß nicht, wie die Situation bei Euch in der Firma ist. Ich persönlich hätte ein großes Problem, zu vielen Personen von meiner Erkrankung zu erzählen, dazu gehört auch der Arbeitgeber. Ich würde mir Sorgen machen, was dadurch evtl. für Folgen entstehen können. Es bleibt Deinem Kollegen überlassen, welchen Umgang er mit seiner Erkrankung wählt. Ich glaube auch, dass entweder Dein Kollege oder wenn in naher Zukunft ein Betreuer hinzukommt, er auf den Arbeitgeber zugehen sollte. Mir persönlich wäre es zu heikel und ich würde mir Sorgen machen, dass ich mir damit Ärger einhandeln könnte. Diese Entscheidung bleibt natürlich Dir überlassen. Egal wie Du Dich entscheidest, Du brauchst Dir, glaube ich, kein schlechtes Gewissen machen oder machen zu lassen.
Es ist auch bedauerlich, dass Dein Kollege nicht auf den Betriebsarzt, den Betriebsrat oder auf die soziale Beratungsstelle zugeht, um sich beraten zu lassen. So bleibst Du wohl die einzige Vertrauensperson, die irgendwie hin-und hergerissen ist.
Es ist bedauerlich, dass es lange Wartezeiten für einen ambulanten Therapieplatz gibt. Vielleicht wäre auch eine ambulante psychiatrische Pflege (APP) eine Möglichkeit. Ich selber habe in einer schweren Phase damit gute Erfahrungen gemacht. Ich finde auch das Programm z.B. der Gapsy ( mit APP, Soziotherapie und Rückzugsräumen) sehr interessant, jedoch weiß ich nicht, ob es die Gapsy überall gibt, aber vielleicht gibt es etwas ähnliches in anderen Städten. Ich finde es wichtig, dass man mit einigen Problemen nicht ganz alleine dastehen muß. Wenn es jedoch zu heftig wird, muß man sich anderswo Hilfe holen. Evtl. muß man sich beim sozialpsychiatrischen Dienst Hilfe holen, und wenn es dort nicht weiter geht, dann sollte man im eigenen Intereese z. B. zu einer Klinikambulanz/Klinik gehen.
Ich hoffe, dass Dein Kollege für sich einen guten Weg finden wird und das die Erkrankung nicht schlimmer wird. Pass bitte auch auf Dich auf.
Viele Grüße von Richi
Richi
 


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