Medis/Therapie- alles versucht, nichts hilft

Hier könnt Ihr allgemein über psychische Störungen und Krankheiten sprechen bzw. wenn Ihr Euch nicht auf eine spezielle Thematik festlegen wollt.

Falls Ihr nicht genau wisst, um was für eine Störung es geht oder in welchem Unterforum es passen würde, könnt Ihr ebenfalls auch erst einmal hier schreiben.

Medis/Therapie- alles versucht, nichts hilft

Beitragvon Ist-da-jemand » Do. 15.06.2017, 00:58

Hallo zusammen,

ich bin neu hier im Forum und weiß noch nicht so genau wie das abläuft. Ich weiß auch nicht wirklich, in welchem Unterforum ich schreiben soll. Wahrscheinlich wird das nicht einmal jemand lesen, wozu auch. Wenn doch, sorry es wird lang werden!

Früher war das Schreiben ein Schlüssel zur Entlastung für mich, ich möchte rausfinden was es jetzt noch bewirkt. Natürlich sprengt es den Rahmen, wirklich alle Probleme auszugraben, deshalb versuche ich mich an einem gewissen roten Faden entlangzuhangeln.

Mit 13 Jahren bekam ich zum ersten Mal offiziell die Diagnose Depressionen mit gegenwärtig schwerer Episode. Wenn ich durch meine alten Tagebücher blättere, habe ich mir schon da immer meinen Tod ausgemalt. Ich bin über die Straße gelaufen und habe gehofft, dass mich ein Auto erfasst. Heute bin ich 21.

21 und ich weiß absolut nicht mehr weiter. Meine alten Freunde befinden sich in der vermutlich spannendsten Zeit ihres Lebens. Studium, Ausland, wilde Partys. Nicht nur vermutlich, ich weiß es aus sozialen Netzwerken. Aber wozu von anderen erzählen.

In meiner ersten Therapie war ich mit 17. Psychosomatische Klinik. Ich wurde gezwungen von meiner "Mutter". Ich habe es nicht ernst genommen und dementsprechend wenig mitgenommen. Hatte Spaß mit Gleichaltrigen und habe mich über "meinen Urlaub" lustig gemacht. Ich wurde entlassen und habe zuhause schnell die Ernüchterung bemerkt. Es ging wieder bergab. Aber das durfte jetzt nicht passieren, ich stand nämlich kurz vor meinem Abi.

Ich war immer eine gute Schülerin. Hatte super Noten. Sonst war ich stets ein sehr introvertierter Mensch, aber hatte trotzdem immer ein paar Freunde. Mein Abitur habe ich unter schwierigsten Umständen zuende gebracht, aber der Stress war zu groß. Nach der letzten Prüfung bin ich komplett zusammen gebrochen. Nur ein Ventil hatte mich über diese Zeit gebracht. Diagnose zwei: Essstörung.


Übergewicht war in meiner "Familie" ein konstantes Thema. Meine Mutter war adipös mit 120kg. Ich war ein normales Kind, in der Pubertät nahm ich zu und es wurde eine Schilddrüsenunterfunktion festgestellt. Meine Essstörung hat sich schleichend entwickelt, ich kann das kaum noch einordnen. Aus meiner Sicht hat es mit meinem ersten richtigen Liebeskummer angefangen.

Ich war 15 und in einen Ausländer verliebt. Meine Eltern tolerieren Ausländer nicht. Also habe ich mich heimlich mit ihm getroffen. Ich war unsterblich verliebt. Und er war ein guter Typ, 18 und studierte. Als meine Eltern es rausfanden, wurde ich von ihnen verprügelt und sie nannten mich eine deutsche Schlampe. Sie sperrten mich in meinem Zimmer ein, nahmen mir mein handy weg und ich durfte alleine nicht mehr das Haus verlassen. Zur Schule wurde ich gebracht und wieder abgeholt. Ein halbes Jahr mindestens ging das so. Und meine Eltern sprachen nicht das winzigste Wörtchen mit mir. Wenn es was Wichtiges gab, fand ich einen Zettel an meiner Zimmertür. Ich verließ mein Zimmer also bis auf die Schule und aufs Bad nicht mehr. Meine Freunde verstanden mein Verhalten nicht, ich habe mit niemandem geredet. In die Küche bin ich auch nicht gegangen, denn meine Eltern waren immer dort. Also finge ich an mich mitten in der Nacht in die Küche zu schleichen und regelrecht zu "fressen". Meine Noten fielen ab. Herzschmerz und Ablehnung, ich begann mein ganzes Erspartes nur für Schokolade auszugeben und aus meinem oberen Normalgewicht wurde schnell Übergewicht.
Der Zuckerrausch war wie eine Auszeit aus meinem Leben.
Meine Eltern nahmen mir meine Kontokarte weg und schlossen die Küche ab, weil ich fett geworden wäre. Und ich war es tatsächlich.

Zur Zeit meines Abis habe ich dann die Bulimie für mich entdeckt. Es war mein Ventil. In den Prüfungen habe ich mir überlegt was ich danach fressen und auskotzen würde.
Es war wahrlich kräftezehrend. Von meinen Freunden habe ich mich isoliert. Sogar Lehrer bemerkten eine schnelle Abnahme und meine Konzentrationsschwäche. Ich schwieg weiter. Die Mottowoche, meine Abifeier, Abireise und meinen Abiball. All das ließ ich sausen um zu essen und zu k*tzen. Ich meldete mich bei keinem Freund mehr und lag nur noch in meinem Zimmer. Meinen Eltern war ich egal, es war ihnen nie wichtig. Auch ein Abi fanden sie unnütz. Alles was ich tat.

Was nach dem Abi? Mein Traum war immer ein Studium, aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Ich war so erschöpft, konnte nicht mehr. Ich wollte nicht mehr. Ich schnappte mir das Auto meines Bruders und fuhr es schrott. Mir war leider weniger passiert. Also musste es weitergehen. Ich flehte die Polizei an in keine Klinik zu müssen und behauptete es wäre ein Unfall. Meine Eltern beschimpften mich, ich hätte nur Aufmerksamkeit gewollt.

Ich suchte mir eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten bei der Stadt. Es musste schließlich weitergehen. Ich weiß bis heute nicht mehr woher ich die Kraft dafür nahm. Aber es klappte.
Ich hatte noch 7 Monate bis zum Ausbildungsstart. Ich kämpfte weiter gegen mein Essverhalten. Ich wollte aufhören zu k*tzen, aber hatte trotzdem Essanfälle. Ich fing also an mehrere Stunden Sport am Tag zu machen. Ich hatte wieder Untergewicht, als meine Ausbildung anfing. Meine männlichen Kollegen zeigten zu deutlich, dass sie mich attraktiv fanden. Der Gipfel war die Weihnachtsfeier. Mein Abteilungsleiter folgte mir alkoholisiert auf die Toilette und bedrängte mich. Er fasste mir unter den Rock, hielt mich fest, aber ich trat ihn und habe die Feier sofort verlassen.

Nun war ich da am Ende und total verzweifelt. Mein Kindheitstrauma kam hoch. Mein Chef war der Auslöser zu vielem Verdrängtem, was auflebte. Als Kind wurde ich viele Jahre von meinem eigenen Erzeuger missbraucht. Meine "Mutter" wusste es und hat nichts getan.
Ich joggte mitten durch die Nacht und wollte alles verdrängen.

Ich hatte mich nach der Feier sofort krankschreiben lassen, ich konnte meinem Chef nicht unter die Augen treten. Ich wusste ich würde dort nie wieder auftauchen. Freunde hatte ich zu dieser Zeit nicht, ich war viel zu sehr fixiert auf mein Gewicht, mein Kalorienzählen, meine sportlichen Leistungen. Da bleibt nicht viel Zeit. Also machte ich alles mit mir selbst aus.

Ich vertraute mich meinem Hausarzt an, aber nur was mein gestörtes Essverhalten anging. Ich wurde in eine schreckliche!!! Akutklinik eingewiesen, weil ich erneut suizidale Tendenzen hatte. Es war das Schlimmste überhaupt. Ich nahm weiter ab. Er half mir auch, eine Reha zu beantragen. Es war eine Essstörungsklinik. Es war keine gute Zeit. Ich nahm ab, sprach auch über mein Trauma und dann passierte es. Eine Magersuchtspatientin wurde zu meiner besten Freundin. Sie starb. Im Krankenhaus musste ich ihr versprechen, dass ich mich nie wieder erbrechen würde. Ich gab ihr das Versprechen und brach es nie. Ich konnte nicht. Sie war tot und ich total zerstört. Ich fing an zu essen und nahm zu. Die Klinik konnte mir nicht mehr helfen und schickte mich nachhause, weil ich nicht therapiefähig war. Diagnose 3: Posttraumatische Belastungsstörung.

Ich ließ mich weiter krankschreiben und war zu gar nix in der Lage. Ich war so müde und habs nicht einmal geschafft duschen zu gegen. Ich vegetierte einfach nur. Auch Antidepressiva brachten nur kurz Verbesserung. In diesem Haus mit diesen Menschen zu leben war mein persönlicher Horror. Zwei Monate später war ich wieder in der Psychiatrie. 18 Zimmerpartnerinnen habe ich überlebt, denn ich war 9 Monate dort. Es wurde alles immer nur schlimmer. Ich verliebte mich dort, großer! Fehler.

Um langsam zum Ende zu kommen, die Klinik vermittelte mich in ein Wohnheim, meine Ausbildung verlor ich natürlich, meine Erzeuger habe ich über ein Jahr nicht gesprochen, der Typ den ich dort kennenlernte terrorisiert mich, droht sich umzubringen wenn ich ihn nicht will und ich leide unter Adipositas. Aus 41kg wurden 102kg.

Ich habe keine Familie. Ich habe keinen Job. Ich habe keine Freunde. Ich habe starke Depressionen und kann nicht aufhören zu essen, obwohl schon alles schmerzt. Ich bin den ganzen Tag allein in diesem schrecklichem Zimmer, diesem schrecklichem Wohnheim. Betreuer gibt es nicht wirklich, auf jeden Fall kümmert sich niemand. Ich habe Geldprobleme, da ich alles veresse. Ich liege den ganzen Tag im Bett und ich kann einfach nicht mehr. Mein Krankengeld läuft aus und wenn ich Pech habe bekomme ich vielleicht eine Sperre beim Alg1. Dann stehe ich bald unter der Brücke. Es ist alles so zum Heulen. Ich habe alles verbockt und keine Kraft mehr.

Ich hatte mal so viele Träume. Was ist bloß passiert???
Ich weiß nicht mehr, wo ich ansetzen soll. Therapie, Medikamente, Sport, Entspannungsübungen- gott ich habe so viel versucht!

Ich habe wirklich alles versucht :(. Es bringt alles nichts.

Mein Leben in der kürzesten Verfassung überhaupt mit wahrscheinlich vielen Lücken.
S.
Ist-da-jemand
 

Re: Medis/Therapie- alles versucht, nichts hilft

Beitragvon Sternsucher » So. 18.06.2017, 14:13

Hallo Ist-da-Jemand !

Danke für deine Offenheit und deine Geschichte.
Ich bin selbst neu hier im Forum und merke,dass ich am liebsten erstmal einen Roman schreiben würde, mir alles von der Seele schreiben möchte... dann bin ich über deinen Artikel gestolpert.

Es ist sehr traurig, was du erleben musstest, und kein Wunder, dass es dir schlecht geht.

Ich bin doppelt so alt wie du, meine Geschichte ist lange nicht so grausam wie deine und trotzdem habe ich akut wieder sehr zu kämpfen.

Ich möchte dir trotzdem Mut machen, dir sagen, du sollst nicht aufgeben, denn ich hatte auch schöne Zeiten im Leben, habe es sogar geschafft 2 Kinder gross zu ziehen!

Ich bin Borderliner, Alkoholiker, von genetischer Seite her mit Schizophrenie belastet, hatte tiefste Depressionen, Angst und Dauerpanik über viele Monate hinweg.
Bislang gab es einen 3monatigen Rehaaufenthalt 2010, sowie einen 9monatigen Psychiatrieaufenthalt 2013, und erst da bekam ich die Borderlinediagnose. Ausserdem bereits mit 11 Psychotherapie, immer und immer wieder. Im Anschluss an meinen letzten Klinikaufenthalt, während dem ich auch mit 4 verschiedenen Medikamenten eingestellt wurde, war ich halbwegs stabil und ging in eine Werkstatt für psychisch Kranke .

Ich hatte wirklich Glück, denn sowohl die Klinik wie auch die Werkstatt sind sehr gute, kompeteente Einnrichtungen für mich gewesen. Ich wurde wieder die Powerfrau, die ich mal gewesen war.Ich konnte mich wieder auf den ersten Arbeitsmarkt wagen, 15 Stunden immerhin.

Ende 2015 kam das Aus meiner Ehe. Mein holder Gatte teilte mir mit, seine Neue und ihre Kinder stünden quasi vor der Tür und ich solle doch bitte gucken, dass ich mir ne Wohnung für mich und meinen Sohn suche... Natürlich WAR die Ehe nicht mehr zu retten gewesen, es war schon klar, dass es über kurz oder lang vorbei gewesen wäre, aber das war schon etwas heftig.

Also:Wohnung her, anständiger Job her, Umzug. Innerhalb eines knappen halben Jahres hatte ich es geschafft. Und ehrlich, es ging mir gut!!! Ich fühlte mich wohl, hatte mein ganz eigenes Reich, so, wie ich es wollte, musste nur noch für meinen Sohn und mich sorgen (und er ist 18, also besteht die Sorge mehr darin,genug Essen herbeizuschaffen, haha).
Ich genoß es für mich zu sein, traf ab und an eine Freundin zum Kaffee... ließ es mir gut gehen.
Anfang diesen Jahres wechselte ich innerhalb der Firma den Bereich, von 30 Stunden zu Vollzeit, mit sehr viel mehr Anstrengung verbunden, aber die Kohle muss halt auch rein.
Jedenfalls geht es seidem wieder bergab mit meiner Psyche, es ist einfach zu viel für mich. Natürlich kommen da auch andere Faktoren dazu, Verhalten, das ich krankheitsbedingt oft nicht wirklich steuern kann.
Aber das sprengt i.M. hier den Rahmen.

Das Allerwichtigste für dich ist, dass du jemanden findest, der dir hilft!!! Und zwar ganz konkret in Sachen Wohnen/Betreuung/Finanzen/Therapie. Jemand, den du fragen kannst, wie deine nächsten Schritte aussehen könnten. Kennst du einen guten Hausarzt? Könntest du einen Termin bei der Caritas/Diakonie ausmachen? Telefonseelsorge anrufen? (Bin kein Kirchenfan, aber die Caritas hat mir auch schon mit Gesprächen geholfen) Oder gleich direkt zur Ambulenz des Krankenhauses gehen.
Denn ich glaube was dir jetzt am wenigsten hilft, ist, in deinem Zimmer zu sitzen und nichts ausser Angst und Sorgen zu haben. Ich weiss, es ist schwer zu kämpfen, wenn es einem schlecht geht, wenn man keine Hoffnung mehr hat, aber du musst jemandem begreiflich machen, wie schlecht es dir geht, dass du so nicht weitermachen kannst.
Du wirst da alleine nicht rauskommen und es gibt auch wirklich gute Kliniken und gute Therapeuten.
Aber DU musst zuerst was tun, so hart das auch ist.

Ich wünsche dir alles Gute und die Kraft, dir nochmal Hilfe zu holen. Gib nicht auf und lass wieder von dir hören!

Ganz liebe Grüsse vom Sternsucher



















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Registriert: Do. 15.06.2017, 18:17


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