Aufgrund Angststörung zu ewiger Einsamkeit verdammt?

Hier geht's um jede Form von zwischenmenschlichen Beziehungen, also um Liebe(skummer) und Partnerschaft (auch Sexualität), um Freunde, Bekannte, Angehörige und andere soziale Kontakte in Eurem Umfeld.

Aufgrund Angststörung zu ewiger Einsamkeit verdammt?

Beitragvon Ceri » So. 09.07.2017, 11:32

Hallo
Ich bin 27 und hatte schon seit ungefähr 13 Jahren keinen freundschaftlichen Kontakt mehr zu anderen Menschen.
Schon in der Schule hatte ich aufgrund meiner Schüchternheit immer wenige Freunde; im Grunde nur eine richtige Freundin. Als die Schule dann zu Ende war und sie geheiratet hat und weggezogen ist, war/bin ich bis heute ganz alleine.
Einen richtigen Freund hatte ich noch nie. Wegen meiner Angststörung hatte ich es schon immer schwer, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Auf der Arbeit sind viele nette Kollegen, die mich hin und wieder ansprechen, doch oft gelingt es mir nicht, meine Ängste zu überwinden. Smaltalk endet meist nach wenigen Minuten, weil die Leute, wie ich denke, keine Lust haben mit jemandem zu reden, der immer nur in kurzen Sätzen antwortet und selbst nichts fragt. Niemand weiß, was dahinter steckt. Einige deuten dies als Desinteresse. Manchmal halten einige Menschen mich sogar für arrogant, wenn ich mit ihnen nicht viel/gar nicht rede. Ich brauche immer eine Weile, um Vertrauen in Menschen zu fassen und die Angst zu überwinden. Aber diese Chance habe ich oft gar nicht, da alles vorbei ist, bevor es richtig anfangen kann.

Früher hatte ich immer geglaubt: irgendwann wird schon alles gut werden. Ich weiß, ich bin noch jung, aber oft fühle ich mich alt, als würde das Leben an mir vorrüberziehen, ohne, dass ich etwas davon mitbekomme. Die Einsamkeit wird mit jedem Jahr stärker. Manchmal unerträglich. Während ich den Nachmittag über alleine zuhause an meinem Computer sitze denke ich oft, dass es da draußen Menschen gibt, die gerade in diesem Moment nicht alleine sind, die rausgehen, plaudern, gemeinsam etwas unternehmen, Spaß am Leben haben... Der Tag endet und ich habe wieder nichts beosnderes vollbracht. Motivation, alleine etwas zu unternehmen, habe ich keine. Ich fühle mich traurig, wie ein Versager, wenn ich sehe, wie glücklich andere mit ihrer eigenen Familie sind...

Mittlerweile habe ich aufgehört, auf das Beste zu hoffen. Oft glaube ich, dass ich es niemals schaffen werde, Freunde, geschweige denn, einen echten Freund zu finden, der mich wirklich lieben könnte. Ich wüsste echt nicht, wie ich dies bewerkstelligen soll. Ich wohne auf dem Land. Ich bin kein Mensch, der gerne in Discos oder Bars geht. Selbst in einen Verein einzutreten traue ich mich nicht zu, weil die unbegründeten Ängste vor anderen Menschen zu stark sind. Bei allem, ob Schulungen oder Arbeit, bin ich immer diejenige, die still am Rand sitzt und lieber zuschaut, anstatt sich aktiv am Geschehen zu beteildigen.

Eine ganze Weile hatte ich über Singlebörsen versucht, einen Freund zu finden. Nur wenn man nicht so super aussieht, hat man auf solchen Seiten, wo Menschen erstmal nur nach ihrem Aussehen beurteilt werden, kaum Chance. Zudem scheinen dort nur die wenigsten Männer an einer echten, längeren Bindung interessiert zu sein. Die Leute dort sind meistens "normal" und suchen demnach gleichgesinnte. Jemand der sich mit Ängsten herumschlägt und sich Monatelang vor einem ersten Treffen drückt, wird schnell fallengelassen.

Was würdet ihr an meiner Stelle machen?
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Re: Aufgrund Angststörung zu ewiger Einsamkeit verdammt?

Beitragvon MessiasDerStille » Di. 15.08.2017, 15:55

Oh Gott :oops:
Ich habe das Gefühl, du erzählst hier mein Leben.

Ich weiß nicht, ob ich dir einen Rat geben kann. Aber vielleicht hilft es dir ja, zu wissen, dass du mit diesem Gefühl nicht alleine bist und dass es Menschen gibt, die diese Ängste verstehen.

Was du erzählst von deinem Verhältnis zu anderen, im Prinzip verläuft mein Leben ganz genauso. Ich hatte nie Freunde, nicht mal "keine richtigen", sondern eigentlich wirklich niemanden. Von Anfang an wusste ich nicht auf anderen Menschen / Kinder damals zu zu gehen. Und ich habe schnell gemerkt, selbst im Kindergarten schon, dass andere Kinder nichts mit mir anfangen konnten und nur mit mir gespielt haben, wenn die Erzieherin sie zu mir geschickt hatte. Ich war immer alleine. Von meinen Eltern her gab es auch nie Kontakt zu anderen Kindern, außer zu meinen Geschwistern, heißt, ich hatte nie gelernt, mit anderen in Kontakt zu sein. Damals war mir das aber auch egal, ich dachte mir immer, wenn die anderen sowieso nur gezwungener Weise mit mir spielen und keine Lust haben, brauche ich das auch nicht und bleibe für mich. Schon damals fing es aber auch an, dass ich für das Alleinsein als "komisch" abgestempelt wurde und für einige zum Ziel wurde. Ich hatte gegenüber den Erziehern, zu viel Respekt, nicht wirklich Furcht, aber irgendwie immer Hemmungen, sie anzusprechen. Bin erst hingegangen, wenn ich mir fast in die Hose gemacht habe, und selbst dann habe ich so lange gewartet, bis mich jemand gesehen und angesprochen hat, statt selbst zu sprechen. Und warum das so war, kann ich nicht sagen. Ich wurde von meinen Eltern oft zurechtgewiesen, ob gut oder schlecht, getadelt, oder wenn ich was Positives gemacht hatte, hätte man es besser machen können und dann hätte ich ja auch die ganze Zeit vorher schon, wenn ich das ja anscheinend doch kann... Egal ob gut oder schlecht, ob meine Absichten böse waren oder es lieb gemeint war, alles wurde nie wirklich anerkannt. Und das hat mir das Gefühl gegeben, nichts richtig machen zu können. Ich wusste nicht, wie ich jemanden ansprechen soll, ohne unhöflich zu sein, ihm ins Wort zu fallen, ihn zu erschrecken, zu leise oder undeutlich zu reden, mich blöd auszudrücken usw.
In der Grundschule habe ich nur mit Leuten geredet, wenn ich mit ihnen alleine war. Sobald jemand dazu kam, war ich still oder bin unmerklich verschwunden. Da wurde mir auch bewusst, dass es auf andere komisch wirkt, dass ich immer alleine auf dem Schulhof am selben Ort rumstand. Wenn die ganze Klasse "Jungs fangen Mädchen" gespielt hat, habe ich mich dazu nie eingeladen gefühlt, ich habe ja nicht dazu gehört und wer hätte schon mit mir spielen wollen? Aber dass ich keine Freunde hatte, hat mir nichts ausgemacht. Erst als ich es mit etwa 14 versucht habe. In der Mittelstufe nahm das Geläster und die dummen Sprüche zu und es kam immer häufiger vor, dass ich auch von Fremden ausgesucht wurde, um verarscht zu werden. Zu der Zeit hatte ich mit einer aus meiner Klasse Kontakt, wir waren keine richtigen Freunde, sie war oft überempfindlich und hat sich schnell angegriffen gefühlt und mich dann alleine stehen gelassen. Wir haben uns ganz gut verstanden, aber wirklich nah waren wir uns auch nicht. Ich habe dann über ein Forum im Internet versucht, Kontakte zu knüpfen, weil mir Schreiben wesentlich leichter fällt. Aber auch hatte ich das Gefühl, irgendwie zu stören. Die anderen kannten sich überwiegend schon und obwohl ich beim Schreiben sehr offen bin, wurden andere "Neue" schneller integriert als ich. Da ergaben sich dann flüchtige Schreib-Kontakte, die aber auch nicht lange gehalten haben. Brieffreundschaften habe ich auch ausprobiert. Die waren sogar ganz gut, bis eben von einer Seite her die Zeit gefehlt hat. Vielleicht wäre das ja was für dich? Wie ist es denn mit dem Schreiben? Fällt dir das auch schwer? Bei mir ist da irgendwie die Hemmschwelle nicht so hoch.
In der Oberstufe, dachte ich, sind ja alle älter und etwas reifer und akzeptieren einander. War auch ein Fehlglaube. Da hat man nicht mal ne Woche gebraucht, um zu merken, dass ich "komisch" bin. Was mich geärgert hat, weil alle meinen, lästern zu müssen, aber einen mal selbst ansprechen tun sie auch nicht. Und es gab 2 oder 3 Leute, leider niemanden in meiner Klasse, die mich angesprochen haben und sofort super mit mir klar kamen (obwohl die eine davon extrem vorlaut war und das komplette gegenteil von mir). Auch das war leider oberflächlich. Erst ganz am Ende der 13, die ich sowieso schon wiederholen musste, weil ich mich bis dahin so zurückgezogen hatte, dass ich mich nicht mal mehr am Unterricht beteiligt hatte, habe ich eine Freundin gefunden. Auch sie hat mich angesprochen bzw. angeschrieben, war aber auf meiner Schule und auch eher eine Außenseiterin mit ähnlichen Kontakt-Problemen. Allerdings scheint sie niemals gemobbt worden zu sein. Mit ihr war ich auch öfters aus, mal was trinken, mal in der Disco, mal im Kino. Und ich muss sagen, ja, mir ist es auch wesentlich leichter gefallen, mit jemandem mitzugehen. Jetzt, nach etwa 5 Jahren, ist unsere Freundschaft zerbrochen. Sie hat Kontakt zu anderen aufgebaut durch ein neues Umfeld und möchte jetzt "cool" sein. Ich wollte einfach nur meine Freundin mal wieder für mich haben, aber das ist ihr zu langweilig. Sie riet mir auch dazu, alleine wegzugehen oder alleine mal in den Urlaub zu fahren, und da verstehe ich dich, das ist auch nicht das, was ich will. Ich möchte ja nicht alleine sein und nicht alleine im Zimmer sitzen und nachdenken. Und auch, wenn ich alleine durch die Stadt laufe, ich bin jetzt 25, werde ich von Teenies häufig als Opfer ausgesucht und blöde angepöbelt.
Auch nach dem Abi wusste ich nicht recht, was ich machen soll. Auch, weil ich mir nichts richtig zutraue. Ich bin schon so oft auf Abweisung gestoßen, genau, wie du erzählt hast. Mich fragt jemand, wie geht, ich sage "gut" und das wars. Ich stehe so unter Druck, dass mir nicht einfällt, ne Gegenfrage zu stellen. Oder selbst zu fragen. Und dass das unhöflich, desinteressiert, arrogant usw. wirkt, wurde auch mir schon gesagt. Auch bei der Arbeit, weshalb ich meine Ausbildung unterbrechen musste, weil ich mich so ungewollt oder nicht miteinbezogen gefühlt habe, dass ich noch verunsicherter war und mich komplett zurückgezogen habe. Und ich weiß eigentlich, dass ich das kann.
Eine Lösung für das Problem habe ich leider bisher nicht. Ich habe angefangen, anhand von Büchern meine Kindheit aufzuarbeiten. Für mich sind das zwar überwiegend Zusammenhänge, die mir schon bewusst waren, da ich eine pädagogische Ausbildung mache, aber vielleicht findest du ja Faktoren, die zu deinem unsicheren Verhalten beigetragen haben. Der direkteste Weg wäre natürlich eine Therapie, und ja, Therapeuten haben nie Zeit und ewige Wartelisten. Und ich meine, man sieht ja, wie sich andere verhalten, der eine fragt "wie gehts dir?", der andere antwortet "gut, und dir?". Da ist ja nichts Falsches dran. Das ist mir auch bewusst. Aber diese Blockade im Kopf, das einfach zu machen... das ist schwer zu brechen. Innerlich, also charakterlich, bin ich auch eigentlich sehr vorlaut. Auch ein Teil, den meine Eltern durch ihre sogenannte "Erziehung" gebrochen haben, deshalb denke ich mir, wenn jemand blöd auf mich reagiert, ist es sein Pech. Aber diese Blockade muss eben durchbrochen werden. Bei mir habe ich gemerkt, letztens hatte ich ein Vorstellungsgespräch und wollte ne Weile früher da sein, aber hab dann die U-Bahn verpasst und war nur 5 Minuten eher da. Und da hatte ich gar nicht so die Zeit, lange vor der Tür zu stehen und mir auszumalen, wie alles schief läuft. Oder dass ich den Raum nicht finde etc. Ich bin einfach rein und bevor ich denken konnte, hatte ich das Gespräch. Ich denke, viele dieser Hindernisse sind im Kopf. Ich bin noch dran, das in den Griff zu bekommen. Aber ich glaube, dieser Absatz ist der beste, den man für sich selbst nutzen kann.
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Re: Aufgrund Angststörung zu ewiger Einsamkeit verdammt?

Beitragvon Jens » So. 28.01.2018, 13:07

Jetzt habe ich einen langen Text geschrieben und weg ist er. Will jetzt nicht mehr so lange ausholen, sondern nur noch sagen, dass ihr nicht alleine seid. Auch ich habe noch nie eine Freundin gehabt und keine Freunde. Und ich bin jetzt 37 Jahre alt. Liegt auch an meinen psychischen Problemen, vor allem an Traumatisierungen in der Kindheit.
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