Partner einweisen? Verzeihbar?

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Partner einweisen? Verzeihbar?

Beitragvon Wildbeere » Fr. 31.03.2017, 20:07

Hey.
Ich hätte mal eine Frage. Musste hier schon mal jemand seinen Partner einweisen? Wie hat sich das auf die Beziehung ausgewirkt?

Ich lebe seit knapp einem Jahr mit meinem Partner zusammen. Wir haben im November eine kleine Tochter bekommen.
Mein Partner lebte vorher von seinem 16. an im Betreutem Wohnen. Sprich es war immer jemand da, auch eben um ihn rechtzeitig in die Klinik zu bringen. Nun liegt das irgendwo bei mir, denn wenn er in seine schweren Depressionen​ rutscht, ist er dazu absolut nicht mehr in der Lage. Nun hab ich ihn vor 3 Wochen wiederwillig in die Klinik gebracht, nachdem er vorher nur noch der Bude hockte, sich u.a. regelmäßig massig verletzte, kaum redete, wenig schlief.
Wir sind eigentlich wirklich sehr glücklich miteinander, auch wenn die Psyche es uns manchmal erschwert. Ich konnte ihn so nicht mehr ansehen. Es war auch nicht das erste Mal, aber die anderen Male war er wohl noch nicht so tief wie diesmal. Er nimmt es mir zur Zeit noch ziemlich übel. Inzwischen ist es so, dass er gehen will, aber nicht darf, also einen richterlichen Beschluss bekommen hat. In meinen Augen vernünftig und ich möchte ihn so momentan nicht hier haben, denn ich kann ihm nicht helfen und er braucht die Hilfe. Nun darf ich mir unterschwellig dauernd Vorwürfe anhören. Ich besuche ihn täglich, darf dann auch mit ihm rausgehen, aber er ist sauer darüber und mag gerade auch keine Hilfe.

Habe momentan ein bisschen Angst, dass es sich auf die Beziehung auswirkt und er es mir nicht verzeihen kann. Auch wenn ich meine Entscheidung nach wie vor nicht bereue, da es das einzig richtige war.

Stand jemand selbst schon mal vor der Entscheidung? Bzw an der Stelle meines Partners stand und in der Situation darüber sehr unzufrieden war und sich schwer damit tat dem Partner zu verzeihen?
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Re: Partner einweisen? Verzeihbar?

Beitragvon tired » Mo. 03.04.2017, 19:13

hey wildbeere,

ich kann jetzt nicht direkt als betroffene mitreden, nur soviel: meine mama hat mich damals als ich 16 war zwangseinweisen lassen weil sie mein rattengift gefunden hat.
ich war SEHR lange böse auf sie deswegen und habs überhaupt nicht eingesehen.
ABER: das verging! irgendwann konnte ich sie dann 1. total verstehen und 2. hab ich eingesehen, dass sie mir damit sogar das leben gerettet hat. und ich hab ihr dann nicht nur "verziehen" (denn im grunde gabs da nix zu verzeihen; sie hat ja gar keinen fehler gemacht!), ich hab mich dann sogar mal dafür bei ihr bedankt...

nachdem dein partner noch dazu eine richterliche verfügung am laufen hat, scheint der fall ja brenzlig zu sein. entspann dich mal, versuch einfach, nicht schon jetzt etwaige konsequenzen auf eure beziehung zu befürchten; denn du musst sowieso nehmen was kommt und DANN schauen, wie dus händelst - oder? ich glaube, dass er zwar ne zeit lang sauer und uneinsichtig sein wird, aber irgendwann wird sich das legen! was ich aber auch vermute is, dass es jetzt grade in seiner situation gar nix bringt wenn du versuchst ihm zu erklären warum du zu diesem schritt gezwungen warst; für sowas hat er jetzt grade sicher gar keinen kopf.

ich wünsch dir und deiner kleinen maus viel kraft, bis papa wieder heim darf! alles liebe!
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Re: Partner einweisen? Verzeihbar?

Beitragvon Wildbeere » Fr. 28.04.2017, 11:48

Hey.

Danke für deine Antwort.
Ja, ich kenne es ja irgendwo selber. Wenn man ganz tief ist, ist man blockiert und man fühlt sich schnell angegriffen.

Ein bisschen böse ist er mir, er fühlt sich abgeschoben, nicht gewollt. Er verweigert sich momentan allem. Er will keine Hilfe und nach Hause. Er hätte schon längst auf eine offene Station gehen können und wäre schon bald wieder zu Hause. So lassen ihn die Ärzte aber momentan nicht gehen - und wer ist Schuld? Natürlich ich, weil ich ja diejenige bin, die ihn dort hingeschleppt hat.

Ich besuche ihn nach wie vor mindestens jeden zweiten Tag und dürfen dann eine Stunde auf dem Gelände Spazierengehen mit dem Zwerg. Aber selbst da merke ich, wie schwer es ihm fällt, wie kraftlos er ist, wie stark seine Depressionen zur Zeit sind. Und die Launen bekomme ich dann auch gut zu spüren.

Ich kenn sowat ja alles von mir selbst.. trotzdem ist mir manchmal danach zu sagen, jetzt reiß dich mal zusammen und mach mal mit. Dann kann er ja auch wieder gehen. So wird es nicht besser.

Ich hoffe, dass er es mir bald nicht mehr so übel nimmt...
Es ist irgendwie anders...wenn ein Außenstehender dir unfreiwillig hilft, als wie wenn es der Partner tut.. aber mir blieb nichts anderes übrig...

Aber die Ärzte kennen ihn dort sehr gut und die werden ihn auch erst gehen lassen, wenn er wieder stabiler ist.

Ich vermisse ihn unglaublich und habe große Angst, dass es sich auf uns auswirkt. Ich habe diesmal einfach zu lange gewartet, ich hätte ihn viel früher überreden sollen, sich in stationäre Behandlung zu begeben.. dann wäre er vielleicht nicht so tief gefallen. Aber ich war zu naiv, ich wollte ihm das "Babyglück" und die ersten Monate unserer Tochter nicht nehmen. Vielleicht ist das aber auch ein Grund für seine Downphase, vielleicht ist er überfordert...kann damit nicht umgehen...vielleicht war und ist das alles zu viel.. ich komme momentan nicht an ihn ran, er kann meine Nähe nicht ab und lässt seine negative Stimmung überwiegend in der Stunde unseres Treffens aus.

Heute Nachmittag habe ich ein Gespräch mit seinem zuständigen Arzt und ihm.. ist halt ein wenig merkwürdig, weil äh ja, der Arzt mich selbst schon desöfteren behandelt hat. Aber mein Freund wollte das Gespräch. Ich bin mal gespannt..
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Re: Partner einweisen? Verzeihbar?

Beitragvon Wildbeere » Mi. 24.05.2017, 16:35

Nun ist er seit Montag wieder zu Hause... habe immer noch das Gefühl, er nimmt es mir übel... Mein Problem ist, dass es nicht besser wird.. so eine schlimme Phase hatte er schon lange nicht mehr und das letzte Mal als es so schlimm war, wohnten wir auch noch nicht zusammen, da waren seine Betreuer für ihn zuständig und eben nicht ich.. jetzt muss ich handeln, wenn etwas ist... Jetzt geht es hier weiter... Meiner Meinung nach gehört er wieder in die Klinik... Ich weiß, dass er momentan nicht mehr kann und auch keine Lebensperspektive sieht. Das macht er mir immer wieder deutlich. Er liegt hier 24/7 im Bett, macht nichts, schafft nichts... Wenn er sich mal ins Bad bewegt, dann um sich einzuschließen und sich zu verletzen.. er isst nichts, trinkt nur wenn ich ihn zwinge, liegt im Bett, starrt die Decke an und betäubt sich fast stündlich mit Tavor und versetzt seine ambulante Therapeutin regelmäßig. Er ist ein toller Mann, ich liebe ihn, aber gerade ist es so kräfteraubend.. Ich weiß nicht mehr weiter momentan und in dem Zustand wäre er sicher in der Klinik besser aufgehoben, aber Einsicht ist bei ihm zur Zeit nicht so. Ich weiß gerade nicht mehr was ich tun soll.. ich sitze hier mit unserem gemeinsamen Baby und bin den ganzen Tag voll in Action, selbst manchmal am Ende meiner Kräfte...
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Re: Partner einweisen? Verzeihbar?

Beitragvon loner » Do. 25.05.2017, 08:30

Hallo Wildbeere,

Das hört sich sehr ernst an. Ich wünsche dir ganz viel Kraft, für dich und deine Familie. Das schlimme ist ja gerade, das man machtlos ist, wenn der andere sich nicht helfen lassen will. Mir fällt nur ein, dass du ihm irgendwie zeigst, dass du ihn liebst und für ihn da bist. Aber das machst du ja sicherlich schon. Ich glaube, an deiner Stelle würde ich mir nochmal zusätzlich von einem anderen Arzt Hilfetipps einholen. Auch für dich, damit du UNtersützung bekommst für dich, mit der Situation umzugehen. So ganz allein Baby und Haushalt ist ja dann doch nicht immer das Leichteste. Mehr fällt mir leider nicht ein. Ich wünsche dir, dass er bald raus ist aus dieser schlimmen Zeit und Besserung in Sich ist.

Lieben Gruß
loner
Wie einfach wäre das Leben, wenn sich die unnötigen Sorgen von den echten unterscheiden ließen. (Karl Heinrich Waggerl)
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Re: Partner einweisen? Verzeihbar?

Beitragvon Ruby » Do. 25.05.2017, 18:34

Das Problem bei solchen Klinik-Einweisungen zur Krisen-Intervention ist wahrscheinlich auch, dass auf solchen, meist geschlossenen Abteilungen nicht wirklich was passiert. Man sitzt die Probleme meist einfach nur aus, oftmals vollgestopft mit Tavor oder anderen Medikamenten. Das mag vielleicht auch bei vielen Menschen funktionieren, aber eine Therapie ist das leider nicht. Es scheint ihm ja nicht wirklich geholfen zu haben. Daran bist aber nicht Du schuld. Vielmehr liegt das an den Kliniken und unserem Gesundheitssystem. Und wenn man sich dann für eine richtige Therapie in der Klinik entscheidet, bekommt man oftmals nach einer solchen Krisen-Intervention noch eine achtwöchige Sperre rein gedrückt. Vielleicht solltet Ihr über den Psychiater eine ambulant psychiatrische Pflege beantragen. Die ersten 16 Wochen werden von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Danach kann man beim Amt einen Antrag auf integrierte Versorgung stellen und somit die psychiatrische Betreuung ambulant weiter laufen lassen. Du würdest dann ganz allgemein ein bisschen von der Verantwortung her entlastet werden. Und ein ambulant psychiatrischer Betreuer könnte mit ihm dann einen wirklichen Therapieplan mit Hand und Fuß ausarbeiten.
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Re: Partner einweisen? Verzeihbar?

Beitragvon Wildbeere » Fr. 26.05.2017, 15:42

Hey.

Danke für eure Antworten.
Ja, ich weiß einfach nicht mehr wie ich ihm helfen kann. Ich für mich habe ja meine Therapeutin. Diese Woche habe ich selbst allerdings ausfallen lassen, weil ich ihn nicht alleine lassen wollte...

Das mit dem ambulanten Dienst wäre an sich eine gute Idee. Momentan lässt er sich aber nichts sagen und wehrt jede Hilfe ab... Ausser zu den Sachen zu denen ich ihn massiv dränge, wie Trinken.
Sein Leben beschränkt sich momentan auf Bett und Bad... Die Klinik bot ihm ja sogar an dort weiter Therapie zu machen, aber er hat lieber seinen Beschluss auf der Geschlossenen ausgeharrt. In der Klinik konnte ich ihn jedenfalls immer zu einem Spaziergang motivieren, wenn ich da war. Nun geht nichts mehr. Ich kenne schwere Depressionen ja selbst, aber so abweisend war ich glaube ich nie...
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Re: Partner einweisen? Verzeihbar?

Beitragvon Wildbeere » Mi. 21.06.2017, 16:25

Er hat mir wohl langsam wieder verziehen und es geht ein wenig aufwärts. Danke für den Tipp, wir haben jetzt eine ambulante Betreuung beantragt, auch wenn mein Freund meint, er schafft es so und braucht sowas nicht, konnte ich ihn dazu motivieren. Es geht ihm immer noch ziemlich schlecht, aber wenigstens ab und zu spazieren gehen und mit der Kleinen spielen, geht momentan. Also die Fortschritte sind klein, aber es geht voran.
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