Verlust: Wenn Sterne verblassen und nur Dunkelheit bleibt

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Verlust: Wenn Sterne verblassen und nur Dunkelheit bleibt

Beitragvon Scherbentänzerin » Mi. 21.06.2017, 19:18

Ich kannte eine Heldin.
Sie war ein Stern in meiner Dunkelheit. Sie spendete Licht, wenn niemand sonst
die Finsternis zu vertreiben vermochte. Sie war kein Mensch, ein mancher würde sagen,
sie war nur eine Katze - doch für mich war sie so vieles mehr.
Von diesem Stern, dieser Heldin und meiner Dunkelheit möchte ich euch erzählen,
da niemand sonst meiner Geschichte und meinem Kummer Gehör schenkt und diese Geschichte
schlicht und ergreifend erzählt werden möchte:

Mein Stern trug den Namen Nyx.
Wir begegneten uns, als sie acht Wochen und ich sieben Jahre alt war.
Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie war ein stures, wunderschönes Katzenkind mit bernsteinfarbenen
Augen und pechschwarzem Fell, welches hie und da durchdrungen war von einzelnen, schneeweißen Härchen.
Ich musste sofort an einen Nachthimmel denken. Ich nahm das Kätzchen mit nach Hause und flüsterte ihr zu, dass ihre schneeweißen Härchen Glücksbringer seien und solange sie diese besaß, würde ihr nichts geschehen. Sie würde sicher sein und geborgen.
Damals ahnte ich noch nicht, dass dieses Kätzchen eines Tages vor allem das Glück in meinem Leben aufrecht erhalten sollte und ein Rettungsanker für mich sein würde, wenn alle Stricke rissen.
Wer sagt - oder denkt - es sei nur eine Katze, der weiß nicht, wie viel Stärke und Kraft und Liebe Tiere geben können ohne jemals irgendeine Gegenleistung dafür zu erwarten. Meine Katze wurde zu einem Stern in meiner Dunkelheit - und die Dunkelheit suchte mich früh heim, eigentlich bereits mit Schulbeginn, doch jedes Jahr wurde es düsterer.
Mein höchstes Gut, bereits in Kindheitstagen, war stets die Freiheit. Ich war ein Wildfang und eine Träumerin und nichts machte mich glücklicher als den ganzen Tag über Felder und Wälder zu spazieren und Geschichten zu erfinden. Doch mit der Schule kam der Leistungsdruck und statt im Freien der Freiheit zu frönen, saß ich am Küchentisch und machte stundenlang Aufgaben und lernte anschließend. Bereits in der Grundschule. Ich stritt mich fürchterlich mit meinen Eltern, die meine Qual nicht verstehen konnten und mich zu noch mehr Leistung anspornten. Sie sagten, sie wollten nur das Beste für mich - und ich glaube ihnen - doch sie taten, ich fürchte, das Falsche. Und weil sie kein Verständnis hatten und ich zu stolz war, meine Schwäche, also meine Tränen, vor Freunden zu zeigen, suchte ich Trost bei meinem Kätzchen. Und was soll ich sagen? Nyx war immer für mich da. Sie schmiegte sich in meine Arme und schnurrte, als wüsste sie genau, dass ich das brauchte. Wenn ich von der Schule heimkam wartete sie bereits auf mich, obgleich sie eine Freigängerkatze war, und beobachtete mich manches Mal bei den Hausaufgaben. Die Albereien mit denen sie mich verzückte, die Eleganz mit der sie mich beeindruckte, die Hingabe, mit der sie mir entgegen kam und diese Geste, wenn sie sich nach stundenlangem Lernen auf meine Bücher legte und nicht wich, ehe ich ihr statt dem Lernstoff die volle Aufmerksamkeit schenkte und sie streichelte - all das wurde noch tausendmal wertvoller als ich von der Grundschule auf das Gymnasium wechselte und das Lernen einen noch größeren Teil meiner Zeit auffraß. Obwohl ich exzellente Noten schrieb, wurde ich immer leistungsängstlicher und öfter und öfter hatte ich das Gefühl gefangen zu sein, zu ersticken. Ich träumte von einem Leben als Vagabund. Ich malte mir aus, wie ich mit einem hölzernen Wagen von Pferden gezogen durch alle Lande reisen würde, frei und ungebunden. Natürlich waren solche Träume nicht realistisch, aber sie waren eine Ausflucht und ich genoss es, zu träumen. Doch niemand wollte meinen Träumen lauschen. Niemand außer meinem Stern.
Ich glaube fest, sie war das einzige Wesen, dass mich tatsächlich kannte - mit allen Facetten. Sie kannte meine Träume, meine Geheimnisse, meine Ängste und Schwächen. Verwandte und Freunde, die zu Besuch kamen, machten oft Scherze darüber, dass diese schwarze Katze und ich Seelenverwandte seien. Oder Schwestern. Denn wir seien uns charakterlich so ähnlich. Und ich fühlte mich geehrt und dachte im Stillen, dass sie Recht hätten.

13 Jahre waren meine Katze und ich zwei Seiten derselben Münze.
13 Jahre war sie, meine pechschwarze Katze, mein Stern in der Finsternis.
13 Jahre lechtete sie jeden einzelnen Tag durch die Dunkelheit...und nun ist sie plötzlich weg.
Ihre Glückshärchen haben sie nicht vor dem Unheil bewahrt.

Mittlerweile hatte ich ein Studium begonnen - all diese Anstrengungen und das Lernen am Gymnasium
für dieses Studium und nun fühlt es sich an wie ein Fehler, ein einziger, grausamer Fehler, denn meine Träume werde ich nicht mit ihm verwirklichen und die Hoffnung auf Freiheit ist längst zu einer Illusion verkommen - ich war nur noch am Wochenende Zuhause. Da erhielt ich an einem Dienstagabend die Nachricht, dass Nyx hohes Fieber hätte und sehr schwach sei. Keiner konnte mir versprechen, dass sie die Nacht überleben würde, also packe ich unverzüglich all meine Sachen, ließ alles Stehen und Liegen und setzte mich in den nächsten Zug, um nach Hause zu fahren. Dort fand ich mein wunderschönes Kätzchen, stets ein Inbegriff an Gepflegtheit und Grazie, im Keller vor in einer sehr...unwürdigen Position. Sie war so schwach, dass sie nicht stehen konnte. Und so holte ich sie aus ihrer misslichen Lage und setzte sie auf weiche Decken. Ich flößte ihr Wasser ein und saß still die ganze Nacht bei ihr. Auch am nächsten Tag wich ich nicht von ihrer Seite. Ich brachte sie ins Wohnzimmer und es brach mir das Herz, wie sie - eine Jägerin sondersgleichen - sehnsüchtig aus dem Fenster sah, wo die Vögel im Garten emsig umhersprangen, und nicht die Kraft hatte, auch nur zu miauen. Ich streichelte sie, ich las ihr Geschichten vor, ich sagte ihr, wie viel sie mir bedeutete. Worte waren hierfür nicht genug. Am Nachmittag brachte ich sie zum Tierarzt, der ihr Blut abnahm und sich mit seinen Äußerungen zurückhielt. Am Mittag des nächsten Tages würde er sich telefonisch melden. Das tat er und die Nachricht war...unerträglich.
Und das schlimmste ist, Gott hat sich so einen miesen Scherz erlaubt! Am Morgen jenes Tages, wo der Tierarzt Nyx' Todesurteil verkündete, lief meine Katze wieder durch das Haus, schwankend natürlich, aber immerhin. Sie stand vor den Türen und wollte nach draußen. Sie schmorchelte um meine Beine, sie schnurrte und rieb ihr Köpfchen gegen meine Hand. Ich hatte solche Hoffnung. Und dann diese Nachricht.
Ich bin in Tränen ausgebrochen und ich werde niemals vergessen wie meine Katze, mein Stern, meine Nyx, aufgeregt zu mir kam...so schwach und doch so schnell wie möglich...und versuchte mich zu beruhigen. Sie presste sich an mich und schnurrte. Ich werde es niemals vergessen. Denn was tat ich?
Ich packte den Katzenkorb, den sie mir hasste als alles Wasser auf der Welt und zwängte sie hinein.
Sie klagte und langte mir ihrer Pfote durch das Gitter, was sie noch niemals zuvor getan hatte. Sie langte ohne ihre Krallen auszufahren nach meiner Hand und zog sie zu sich heran. Und was tat ich? Ich stieg mit ihr ins Auto und fuhr los. Nyx hasst Katzenkörbe und Autofahren hasst sie noch viel mehr. Ich hasse mich, dass ich ihr dies in ihren letzten Stunden antun musste. Das hatte mein Stern nicht verdient. Warum durfte sie nicht wenigstens in Würde sterben? Warum konnte der Tierarzt nicht zu uns nach Hause kommen? Warum musste sie das ertragen?
Ich brachte sie in die Praxis des Tierarztes und legte erst ihre Lieblingsdecke von Zuhause und dann sie auf seinen Untersuchungstisch. Er bestätigte mir erneut, dass es keine Hoffnung mehr gäbe. Dann gab er ihr erst eine Spirzte, mit welcher sie einschlafen würde. Ich weinte nicht. Ich setzte mich zu ihr, streichelte sie und erzählte ihr von einem Paradies, von welchem ich hoffe, dass sie es gefunden hat. Ihr Schnurren erstrab, doch ihre Augen blieben geöffnet. Sie waren offen, als der Tierarzt ihr die Todesspritze gab und sie waren offen, als ich sie zur letzten Ruhe bettete.

Ich habe meinen Stern verloren und nicht nur verloren.
Ich fühle mich, als habe ich ihn getötet. Die Schuld frisst mich von innen auf und keiner vermag,
sie mir zu nehmen. Ich frage mich: Wusste sie, dass ich nur das Beste für sie wollte? Oder fühlte sie
sich verraten? Ich frage mich: Gibt es einen Himmel? Auch für Katzen?
Ohne sie ist Leere in mir und alles ist dunkel und schwarz.

Versteht mich nicht falsch - es hätte alles schlimmer kommen können.
Ich habe eine Katze verloren, die zwar viel mehr war als eine Katze, aber doch eine Katze und
kein Mensch. Es gibt so viele, denen es schlechter geht als mir.
Obgleich mich meine Familie nicht versteht, versucht sie es - sie scheitert, aber sie versucht es zumindest. Und sie liebt mich und ich liebe sie. Ich liebe an sich auch das Leben. Ich liebe nur nicht unbedingt, was
ich daraus gemacht habe. Und diese eiskalte Dunkelheit, in der mein Stern mich zurückgelassen hat, überschattet meine Freuden.

Falls ihr all dies gelesen haben sollt, so danke ich euch.
Manche Geschichten wollen bloß einen Raum haben, um erzählt zu werden.
Diesen Raum habt ihr mir gegeben.
Scherbentänzerin
 

Re: Verlust: Wenn Sterne verblassen und nur Dunkelheit bleib

Beitragvon WhiteFur » Fr. 23.06.2017, 19:44

Hey, du.

Tut mir so leid, dein Verlust.

Die Geschichte war wunderschön geschrieben, einer wunderschönen Katze würdig.

Ich finde, es wird ganz klar deutlich, wieviel sie dir bedeutet hat.

Es ist nicht unüblich, dass uns Tiere so ans Herz wachsen, dass sie praktisch zu Familienmitgliedern werden.

Zwischen euch bestand eine ganz besondere Verbindung und in deinem Herzen besteht sie auch weiterhin.

Das ist einfach ein herber Schlag, da gibt es nichts zu beschönigen.

Nimm dir die Zeit, die du brauchst, um ihn zu verarbeiten und gestehe dir deine Gefühle zu.
Versuche, nicht zu hart zu dir zu sein, wenn du kannst.

Liebe Grüße und viel Kraft wünsche ich dir. :troest:
,,Kites rise highest against the wind-not with it."
Winston Churchill
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,,Was tun?"
Das Huhn
WhiteFur
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Re: Verlust: Wenn Sterne verblassen und nur Dunkelheit bleib

Beitragvon Sternsucher » Sa. 24.06.2017, 22:30

Es tut mir so leid für dich.
Sternsucher
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