Wut, Neid, SVV - weil mein jetzt auch Freund arbeitet

Das Forum für Euren Kummer und Sorgen oder wenn Ihr über Eure Probleme schreiben wollt.

Wut, Neid, SVV - weil mein jetzt auch Freund arbeitet

Beitragvon Druan » Di. 20.06.2017, 16:32

Hallo liebes Seelenkummer-Forum,

nach meiner gestrigen Registrierung möchte ich auch gleich mit meinem Problem beginnen.

Seit über zwei Jahren bin ich mit meinem Freund zusammen, anderthalb Jahre wohnen wir zusammen und ziehen demnächst zu seinen Eltern in eine Dachgeschosswohnung, die wir uns derzeit selbst sanieren. Er war bis vor kurzem Student, hat jedoch nach fünf Jahren erfolglosem Studium abgebrochen und absolviert derzeit ein Praktikum als Zimmerer, um sich für die anschließende Ausbildung zu qualifizieren. Ich selbst habe letzte Woche nach drei Jahren Ausbildung selbige mit 92% beendet, bin nun ausgelernte Biologielaborantin und kann noch anderthalb Jahre in meinem Ausbildungsbetrieb bleiben. Klingt ziemlich idyllisch bis hierher, oder?
Eigentlich möchte man auch meinen, dass ich nichts zu meckern habe, weil es gut läuft, aber das Praktikum meines Freundes macht mich fertig. Bereits am ersten Tag seines Praktikums kam er heim und hatte Fieber - vermutlich, weil er sich überanstrengt hat. Da ist für mich schon eine Welt zusammengebrochen. Ich war sauer wie 'ne Zitrone und hätte ihm am liebsten den Kopf abgerissen, ohne dass ich so genau sagen kann, weshalb ich sauer war. Doch so läuft das immer, wenn jemand in meinem näheren Umfeld krank ist. Ich werde zur Furie, erfinde die fiesesten Schimpfwörter und wenn es ganz schlecht läuft bin ich neidisch genug, um zum Messer zu greifen und mir etwas aufzuschneiden, oder schlage meinen Kopf mit voller Wucht gegen die Wand, oder denke mir sonst etwas feines aus, damit ich auch bloß ärmer dran bin, als die kranke Person. Dass das nicht rational, bis hin zu vollkommen unsinnig und dumm ist, das ist mir wohl bewusst. Ich weiß auch, dass man sich darüber freuen sollte gesund zu sein - in dem Moment kann ich aber einfach nicht anders. Dann schreit alles in mir "ich will aber nicht" und rennt nur noch doller gegen die Wand. Solange, bis ich es dann irgendwie schaffe mich zu beruhigen und zur Vernunft zu kommen, oder bis ich vom inneren Aufruhr so erschöpft bin, dass ich mich zusammenrolle und heule, bis ich keine Luft mehr bekomme. Wenn mich übrigens versucht jemand davon abzuhalten derartige Dummheiten zu machen, neige ich im Übrigen auch dazu andere Leute zu verletzen.
Aber genug des Exkurses - besagtes Verhalten zeigte ich auch an eben jenem ersten Praktikumstag, an dem mein Freund mit Fieber nach Hause kam. Bis 23 Uhr (an diesem Tag sind wir um 20 Uhr ins Bett gegangen) habe ich wachgelegen und versucht zur Ruhe zu kommen und im Endeffekt die gesamte Nacht nicht mehr als drei Stunden geschlafen. Mein Freund fühlte sich am nächsten Tag trotz anhaltendem Fieber nicht schlecht und ging zu Arbeit - aber auch das war mir nicht so ganz recht. Ich wollte ja nicht, dass es ihm am Ende noch schlimmer geht, denn dann hätte ich mit den Leiden, die ich mir selbst zufügen könnte ja gar nicht mehr mithalten können. Dennoch hat sich die Situation im Laufe des Tages verlaufen, nicht zuletzt weil wir uns an diesem Tag nicht mehr gesehen haben ( er übernachtete bei seinen Eltern, da er von dort den Praktikumsort besser erreichen kann). Morgens hatte ich ihn zur Arbeit gefahren und fünf Minuten danach hatte ich schon wieder solche Sehnsucht nach ihm, dass ich mich Zuhause heulend hätte zusammenrollen können.
EIn paar Tage später hatte er dann einen fetten Schnupfen, aber es ist wohl überflüssig wieder auszuführen, was ich dann gemacht habe. Wut, Neid, SVV, etc. Solange bis er gesund war.
In seiner zweiten Praktikumswoche war er wieder gesund - meine mieserable Laune blieb jedoch. Das ist nicht unüblich, denn ich habe generell große Probleme meine Emotionen zu zeigen, hatte darüber hinaus auch viel Stress durch meine Abschlussprüfung und viel wegen der Sanierung im Kopf. Diese Woche möchte ich deshalb überspringen, weil viele Situationen nicht eindeutig auf mein zu beschreibendes Problem zurück zu führen sind, sondern genauso gut durch meinen Prüfungsstress ausgelöst sein könnten.
In der aktuellen Woche ist wie bereits beschrieben meine Prüfung vorbei und mir geht es soweit gut. Wenn da nur mein Freund mit seiner Arbeit nicht wäre. Hier muss ich noch einmal kurz etwas weiter ausholen:
In den letzten zwei Jahren unserer Beziehung gab es einige Konstanten:
- Ich war immer brauner als er, weil ich von Natur aus schnell braun werde.
- Er hat in der Zeit seines Studiums den ganzen Tag zuhause gesessen, während ich den ganzen Tag arbeiten war.
- Dadurch war ich immer diejenige, die einen anstrengenden Tag hatte.
- Die Frage "Wie war dein Tag" wurde mir seinerseits täglich gestellt (ja, er ist eigentlich ein Glücksgriff!), doch meine Antwort beschränkt sich generell auf ein "Gut", "Schlecht", "Anstrengend" oder irgendeine andere knappe uninteressante Antwort. Ich bin eben ein äußerst unkommunikativer Mensch (außer ich kann lange Texte aufschreiben, wie man sieht). Lediglich, wenn es etwas gab, das mich besonders "berührt" hat, habe ich mehr erzählt, tendentiell waren das allerdings schlechte Dinge.

Besagte Punkte haben sich nun aber drastisch geändert.
- Da er den ganzen Tag auf der Baustelle ist, ist er brauner als ich (und hat eklige Bauarbeiter Arme, das finde ich persönlich ganz furchtbar).
- Er ist den ganzen Tag unterwegs und kann zuhause nichts mehr tun (irrelevant, da er wie gesagt bei seinen Eltern ist).
- Er hat jetzt den anstrengenderen Tag, weil er körperlich schufften muss.
- Die Frage "wie war dein Tag?" kommt immernoch täglich, doch folgt dann eine mindestens dreißigminütige Ausführung darüber, wie sein Tag war, was seine Kollegen gemacht haben, wie das Wetter war, was er gegessen hat und wie müde er nun doch sei. Spätestens nach fünf Minuten kann ich es nicht mehr hören und wenn im Laufe des Abends dann immer neue Sachen kommen wie "Mein Kollege hat heute..." oder "Morgen machen wir..." oder "Meine Arme tun weh, weil...", möchte ich mich am liebsten ins Auto setzen und so weit weg fahren, dass er mich nicht einmal mehr anrufen kann.
Ja, ich bin eine schreckliche Freundin. Das war ich schon immer. Eigentlich sagt man mir nach, dass ich ein sehr empathischer Mensch sei, doch Menschen die mir nahe stehen, bekommen davon in der Regel einfach nichts zu spüren.
Was ist die Konsequenz für mich aus all diesen Veränderungen?
Ich will härter arbeiten, als ich jemals gearbeitet habe, damit ich härter arbeite als mein Freund. Dafür stelle ich mich auch bei 30°C in die knallige Sonne im Garten und fange an mit der Sichel meinen Rasen zu "mähen". Wenn ich merke, dass mir das nicht reicht, weil ich mich nicht erschöpft davon fühle, oder noch keinen Sonnenbrand bekomme, so wie mein Freund (ich bin sehr resistent und werde eigentlich nie rot, sondern direkt braun), dann schneide ich mir Brombeersträucher ab und ziehe mir diese gegen den Strich über Arme und Beine, damit ich wenigstens so viele Verletzungen davontrage wie er. Weil ich aber ein feiger Hund bin, sind die Wunden nicht tief genug (für mein Empfinden) und versuche mir deshalb anschließend noch die Arme an abgeschnittenen Drahtkanten aufzureißen. Aber weil das ebenfalls nicht so recht klappt, trage ich eine riesige Wut in mir, die, wie ich fürchte, irgendwann so brachial herausbrechen wird, dass ich fürchte, dass es mein Leben kosten könnte. Solange ich auf Arbeit bin, schlummert dieses Gefühl mal mehr mal weniger aktiv in meiner Magengegend, doch sobald Feierabend ist, kocht es auf und will heraus.
Heute versuche ich dieses ganze Gefühl in Worte zu bannen und von mir zu schicken, doch es klappt nicht so ganz und ich weiß noch nicht, was ich tun werde, wenn ich fertig bin zu tippen, denn meine Pläne sind bereits geschmiedet und ich kann für nichts garantieren. Erstrecht nicht, wenn er bald eine WhatsApp sendet und davon berichtet, dass er nun Feierabend hat. Denn eigentlich möchte er dann bald telefonieren. Nur ich kann das nicht, denn ich will ihn nicht hören, nicht sehen, gar nichts. Aus Angst, dass er noch brauner ist, noch mehr Wunden trägt, noch fitter geworden ist als ich. Denn ich will in allem voraus sein; Stärke, Schwäche, Verletzungen, Bräune, Krankheit. Egal ob gut oder schlecht.
Eigentlich möchte ich auch darüber weinen, aber ich kann nicht. Und nun, da ich diesen enormen Text geschrieben habe, erschlagen mich die aufgelisteten Fakten mit brachialer Gewalt, weil es eben doch nicht nur "ein bisschen eigenartig" ist, sondern für mich und meine Umwelt eine mehr oder minder große Gefahr. Für meine Umwelt vor allem deshalb, weil ich mir am Steuer meines PKW schon häufiger gedacht habe, dass ich einfach einen Unfall bauen müsste, um mal "so richtig arm dran" zu sein. Und dann sind leider auch andere betroffen. Bisher konnte ich mich zusammenreißen, ich hoffe - für die Anderen - dass es niemals so weit kommen wird, doch wenn es so weiter geht wie bisher und sich fortlaufend verschlechtert, kann ich für nichts garantieren...

Noch kurz ein paar Fakten zu meiner Person, die nicht direkt mit meinem Problem zusammenhängen: Ich habe mich mit 16 Jahren selbst darum gekümmert, dass ich eine Psychotherapie mache, da meine Eltern mir immer gedroht haben mich wegen meines SVV einzuweisen, aber nie zu ihrem Wort standen (ja, mit meinen Eltern habe ich auch GROSSE Probleme....), war dann drei oder vier Jahre in Therapie, ohne jemals eine Diagnose gestellt zu bekommen. Das ist nun drei Jahre her und mir ging es danach WESENTLICH besser, auch wenn es immer noch herbe Probleme gab, mit denen ich versucht habe zu leben. Heute habe ich mir einen Termin für den Hausarzt besorgt, damit ich wieder eine Überweisung für einen Therapeuten bekomme, weil ich (auch vor meinem Text hier) schon begriffen habe, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Leider wird sich das Prozedere jedoch wieder - ihr kennt das ja - eine halbe Ewigkeit hinziehen und der Fall fühlt sich derweil so akut an, dass ich wenigstens über dieses Forum versuchen will, mir selbst zu helfen.
Ich bin euch dankbar für jede Stellungnahme, jeden Tipp und jeden Hinweis. Jede Frage zur eigenen Reflektion ist gern gesehen. Vielleicht geht mir ja ein Licht auf.

Viele Grüße,
Druan
Druan
Neues Mitglied
 
Beiträge: 2
Registriert: Mo. 19.06.2017, 20:04

Re: Wut, Neid, SVV - weil mein jetzt auch Freund arbeitet

Beitragvon KleinesMädchen » Di. 20.06.2017, 20:44

Hallo Druan,


das sind eine Menge ungelebter Gefühle in dir, macht es den Anschein. Ich empfehle dir das Buch "Wut ist gut" von Dr. Daniel Dufour. Es liefert zwar keinen echten Lösungsweg, wohl aber einen Ansatz, zu verstehen und sich zu öffnen.

Das Gefühl, "mehr" sein zu wollen, als jemand anderes, kenne ich sehr gut. Auch das Gefühl, krank sein zu wollen. Allerdings nicht in dem Ausmaß, wie du es beschreibst. Es ist gut, dass du dir Hilfe holst.

Was ich aus deinem Text nicht herauslesen kann, ist ob du weißt, warum du so fühlst.
Denkst du darüber nach ?
KleinesMädchen
Mitglied
 
Beiträge: 30
Registriert: Sa. 17.06.2017, 19:37

Re: Wut, Neid, SVV - weil mein jetzt auch Freund arbeitet

Beitragvon Wildbeere » Mi. 21.06.2017, 12:19

Hey.
Ich habe etwas länger überlegt, ob ich hier etwas zu sagen soll...
Ich kann mir vorstellen, dass dies wirklich sehr belastend für eine Beziehung sein kann.
Ich bevorzuge zwar auch, dass es mir schlechter geht als meinem Partner, aber eher, weil ich ihn ungerne leiden sehe und nicht möchte, dass es ihm schlecht geht und gerne alles abnehmen würde.

Ich frage mich, warum gönnst du deinem Partner nicht auch mal die Aufmerksamkeit wenn es ihm schlecht geht? Jeder Mensch hat das Recht dazu, auch mal krank zu sein und zu leiden.

Hier ist eine Therapie wirklich ratsam und zwingend nötig, wenn dir an der Beziehung etwas liegt.

Liegt dir überhaupt etwas an deinem Partner? Oder geht es dir lediglich darum, jemanden zu haben, bei dem man leiden kann? Sorry, der direkten Frage... Aber wenn ich jemanden liebe, hasse ich ihn doch nicht dafür, wenn er krank ist oder leidet... Und es scheint dich in keinster Weise zu interessieren, sondern eher zu nerven, wenn er sich mitteilt, dir was erzählen will... Gibt es denn auch etwas, was dir an deinem Partner liegt? Was dich nicht an ihm stört? Er darf in keiner Weise etwas besser können als du, er darf nicht besser sein als du, aber wenn er schwach ist - in dem Falle jetzt krank - passt es dir auch nicht? Sorry. Kann es echt nicht so nachvollziehen und das klingt für mich sehr wenig nach Liebe.
Wildbeere
Mitglied
 
Beiträge: 51
Registriert: Fr. 31.03.2017, 13:44


Zurück zu Probleme und Sorgen

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste

cron